Wenn Schädlinge plötzlich nützlich werden

Wenn ein Tier schon Kakao-Wanze heißt, klingt das nicht sonderlich sympathisch. Wanzen wollen wir weder im Kakao noch in der Schokolade haben. Helopeltis sulawesi werden wir bei uns aber glücklicherweise eher selten antreffen. Die Wanze lebt in Südostasien und besonders gerne dort, wo auch Kakaobäume wachsen. Die Tiere saugen den Pflanzensaft aus den Kakaofrüchten. Dadurch wird das äußere Gewebe der Bohnen hart und es vernarbt. Das wollen die Bauern vermeiden und setzen daher Pestizide ein, um die Wanzen zu vernichten. Wissenschaftler der Universität Göttingen konnten nun zeigen, dass es besser wäre, die Helopeltis sulawesi weiterhin an den Früchten saugen zu lassen, denn sie sind nur das kleinere Übel.

Die Kakao-Wanzen auf einer Kakao-Frucht (Bild: Universität Göttingen)

In der Arbeit “A minor pest reduces yield losses by a major pest: plant-mediated herbivore interactions in Indonesian cacao” haben Arno Wielgloss von der Abteilung Agrarökologie der Universität Göttingen und seine Kollegen zwei Jahre lang Kakaoplantagen in Indonesien beobachtet. Besonders interessierten sie sich für den Schädlingsbefall und die Art und Weise, wie die verschiedenen Schädlinge miteinander in Verbindung stehen! Denn neben der Kakao-Wanze gibt es noch andere Tiere, die den Früchten gefährlich werden können. Zum Beispiel Conopomorpha cramerella. Das ist die Kakao-Miniermotte. Sie richtet viel mehr Schaden an als die Kakao-Wanze. Die Motte ist klein und legt ihre Eier auf den Kakaofrüchten ab. Wenn die Larven schlüpfen, bohren sie sich durch die Schale, um an das Fruchtfleisch im Inneren zu kommen. Diese “angebohrten” Kakaofrüchten liefern weniger Bohnen und der Kakao hat eine schlechtere Qualität – sonderlich appetitlich ist die ganze Sache auch nicht.

Natürlich kann man auch den Motten mit Insektiziden zu Leibe rücken. Das ist allerdings nicht immer effektiv. Conopomorpha cramerella ist klein, gut getarnt und nachaktiv. Am Tag verstecken sie sich unter Ästen und Blättern und nur in der Dunkelheit besuchen sie kurz die Früchte, um ihre Eier abzulegen. Die Kakao-Wanze dagegen ist groß, gut zu sehen und tagaktiv. Sie kann nicht fliegen und bleibt die meiste Zeit auf den Früchten sitzen. Wenn auf einer Plantage also Kakao-Wanzen aktiv sind, werden sie schnell entdeckt. Ein Befall mit Kakao-Miniermotten dagegen kann lange unentdeckt bleiben.

Meistens sind es also die Kakao-Wanzen, die den Einsatz von Insektiziden auf Kakao-Plantagen auslösen. Dass sich aber ein größeres Problem ergeben kann, wenn sie fehlen, haben die Göttinger Wissenschaftler festgestellt. Für die Miniermotte ist das Beseitigen der Wanzen das Beste, was Ihnen passieren kann: Die vernarbten Schalen der befallenen Früchte sind für die Larven der Miniermotten nämlich viel zu dick. Sie können sich nicht nach Innen fressen, finden keine Nahrung und sterben, ohne den Früchten weiter schaden zu können. Ohne die Kakao-Wanzen stehen den Motten alle Früchte zur Verfügung.

Kakao-Früchte: gesunde Frucht (links), vernarbte Schale durch Wanzenbefall (Mitte), geschädigte Bohne im Inneren (rechts). Bild: Wielgoss et al. (2012)

Schädlinge müssen aber nicht zwingend schädlich sein. Es kommt immer darauf auf an, ihre Auswirkungen im Kontext des gesamten Ökosystems zu sehen. Denn manchmal kann das Vorhandensein von Schädlingen den Ertrag einer Plantage sogar steigern. Wielgloss und seine Kollegen konnten zeigen, dass Plantagen mit vielen Wanzen deutlich weniger Schaden durch Miniermotten davon trugen. Und da die Wanzen nicht so schädlich wie die Motten sind, war es am Ende sogar besser für die Plantagen. Ein mittlerer Wanzenbefall führt zu einer größeren und besseren Kakaoernte, als ein frühzeitiger Einsatz von Pestiziden, der alle Kakao-Wanzen vernichtet und der Miniermotte freie Bahn lässt.

Mit diesem Wissen können die Bauern der Region ihre Plantagen nun effizienter und vor allem mit weniger Pestiziden bewirtschaften. Die Wissenschaftler aus Göttingen weisen in ihrer Arbeit auch noch einmal explizit darauf hin, dass die Effektivität jeder Schädlingsbekämpfung nicht allein anhand ihrer Wirkung auf die Zielspezies gemessen werden darf. Man muss sich immer auch Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen es auf das gesamte System hat, wenn man ein bestimmtes Tier daraus entfernt. Denn unter Umständen ist ein Schädling gar nicht so schädlich wie man geglaubt hat…

Florian Freistetter

Florian Freistetter ist Astronom. Er promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena, arbeitet dort an der Dynamik der extrasolaren Planeten, ärgert sich mit den Details der DFG-Antragstellung herum und bloggt über Wissenschaft.

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