Was für Datenbrillen spricht. Aus der Sicht eines Entwicklungsingenieurs.

Die meisten haben es wahrscheinlich schon einmal erlebt: Hektische Suche unter Zeitdruck, um auf einem riesigen, fremden Bahnhof im Ausland das richtige Gleis zum Umsteigen zu finden. Spätestens, wenn auch noch alles in kyrillisch oder chinesischen Schriftzeichen geschrieben ist, wünsche ich mir, es würde meine Datenbrille schon geben.

Dann müsste man nämlich die Bahnsteigbeschilderungen nur anschauen, und dank der eingebauten Kamera übersetzt die Brille die ausländische Bezeichnung in die Muttersprache. Neben dem realen Schild stünde die Übersetzung als virtueller Text. Ich müsste kein Smartphone aus der Hosentasche herauskramen. Beide Hände sind frei, um Gepäck zu tragen – auch sehr praktisch. Ich müsste nur gucken und mit den Augen das auswählen, was ich im Moment gerade benötige. Der richtige Weg von A nach B könnte übrigens auch mit Pfeilen virtuell gezeigt werden. Allerdings erst dann, wenn jemand sich die Mühe gemacht hat, es zu programmieren und vorausgesetzt, dass der Zug da abfährt, wo er immer abfährt.

Bahnhof in Paris

Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie Stephen Hawkings, die nicht mehr über Sprache oder Handbewegungen kommunizieren können, könnten via Datenbrille leichter als bislang ein Gespräch führen. Im Unterschied zu den bestehenden technischen Hilfsmitteln, wären sie mit einer Datenbrille viel mobiler. Jetzige Hilfsmittel wie Sprachcomputer mit Augensteuerungen sind zu groß, um sie hin- und her zu tragen. Mit einer Datenbrille ist das kein Problem mehr.

Im Job könnten Wartungsarbeiten durch eine solche Datenbrille einfacher werden: Ein Mechaniker z. B. sähe parallel zu den Schrauben am Flugzeug auf seinem Display wie sie angezogen werden müssen (= Anzugsdrehmoment). Während er oder sie sieht wie es geht, kann die Arbeit ausgeführt werden. Nerviges  Hin- und Her von Anleitung zu Schrauben und Schrauben zur Anleitung entfielen. Zudem kann man ziemlich sicher sein, an den richtigen Schrauben zu drehen, weil die virtuellen Schrauben genauso aussehen wie die echten. Virtuelle Abbildungen oder Filme als Bedienungsanleitungen sind näher an der Realität als gedruckte Anleitungen. Leicht vorstellbar, was so etwas für den Zusammenbau von Möbeln bedeuten könnte – das reicht dann sogar über den Jobbereich hinaus in den Alltag, wo fast jedes IKEA-Möbelstück Sprengstoff für Beziehungen ist.

Weginfos direkt im Blick

Natürlich ist die Datenbrille keine Entwicklung von mir allein. Seit fünf Jahren entwickeln wir im Team aus Schaltkreisdesignern und OLED-Technologen eine der Hauptkomponenten der Datenbrillen:
das Display.

Heute ist die Technik so weit, dass Mikrodisplays gebaut werden können, die nur 2cm x 2cm groß sind. Sie haben die gleiche Auflösung wie Computer-Monitore aus dem Elektromarkt. Für unsere Datenbrille, besser gesagt für den Prototyp, haben wir OLED-Mikrodisplays entwickelt. Sie sind stromsparender als die herkömmlichen LCD-Flüssigkristall-Mikrodisplays. Das liegt daran, dass OLED-Displays nur die Pixel zum Leuchten bringen, die gebraucht werden, um das aktuelle Monitorbild darzustellen. (Bei LCD-Displays leuchten immer alle Pixel. Die, die man für ein Bild nicht benötigt, werden jeweils abgedunkelt.)

Um auf den Mikro-Displays etwas erkennen zu können, braucht man eine Vergrößerungsoptik wie z. B. eine Lupe. Dadurch kann man nicht nur lesen, sondern Bilder und Filme sehen wie im Kino, ganz ohne mobile DVD-Player oder Notebooks. Mit dieser Technik wird man in Zukunft sein eigenes Kino überall hin mitnehmen. Auch das Smartphone kann sie ersetzen, so wie das Handy die im Nachhinein recht unpraktische Telefonzelle ersetzt hat. Entspanntes Umsteigen auf allen Bahnhöfen dieser Welt – darauf kann man sich auch freuen. Ich in jedem Fall.

Was die Datenbrille von Fraunhofer von der Google Glass Brille unterscheidet steht hier.

 

Rigo Herold

Rigo Herold
Nach einer Ausbildung als Energieelektroniker hat Rigo Herold Computer- und Automatisierungstechnik an der HTW-Dresden mit einem Diplom und ein Masterstudium in Elektrotechnik abgeschlossen. Seit 2007 arbeitet Rigo Herold bei Fraunhofer (COMEDD) als Systemdesigner zu den Forschungsthemen Interaktive Datenbrillen, Head-Mounted Displays, Augmentierte Realität (AR), Berührungslose Mensch-Maschine-Schnittstellen und Anbindung von digitalen mobilen AR-Systemen an Kommunikationsgeräte. 2011 hat er zudem am Lehrstuhl für Kommunikationstechnik an der Universität Duisburg-Essen promoviert. Thema: "Ein Beitrag zur Realisierung von Systemarchitekturen für Head-Mounted Displays auf Basis bidirektionaler OLED-Mikrodisplays."

1 Antwort

  1. Michael Rauch

    Hallo,
    ich spiele in einer Blasmusikkapelle. Bei Marschmusik muss am Instrument eine Marschgabel angebracht werden, welche die Notenblätter hält. das Ganze ist eine relativ wackelige Angelegenheit un d nur für Notenblätter von max. DIN A5 geeignet. Ist es möglich – oder gibt es das sogar schon – mit einer Datenbrille ein virtuelles Notenblatt einzublenden, wobei dennoch der Dirigent sichtbar sein muss?