Satelliten und der Zugverkehr in Spanien

Teflon ist ein Nebenprodukt der Raumfahrt. Das hört man oft, ist aber falsch. Das Polytetrafluorethylen, wie der Stoff chemisch korrekt heißt, wurden schon im Jahr 1938 von Roy Plunkett entdeckt und 1941 von DuPont patentiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Raumfahrt nicht auch unser Alltagsleben beeinflusst hat. Ohne die vielen Satelliten, die die Erde umkreisen, wäre unser Leben ganz anders. Es gäbe keinen täglichen Wetterbericht. Das Navigationssystem in unserem Auto würde nicht mehr funktionieren. Noch schlimmer: Weltweit werden GPS-Informationen eingesetzt, wenn es um die Abwicklung logistischer Prozesse geht; wenn man zum Beispiel Container im Hafen, Schiffe im Meer oder LKWs auf der Straße verfolgen will. Die globale Wirtschaft bekäme ohne Satelliten große Probleme. Und Satellitenfernsehen gäbe es auch nicht mehr.

Envisat (ESA)

Besonders wichtig sind Erdbeobachtungssatelliten wie zum Beispiel Envisat. Solche Satelliten halten die Erde im Blick und liefern vielfältige Informationen über unseren Planeten und das, was darauf passiert. Die Satelliten liefern Informationen über den Zustand von Wäldern oder die Algenblüte auf dem Meer. Sie messen Umweltverschmutzungen und liefern die Grundlage für exakte Karten, die zum Beispiel bei großen Katastrophen wie Erdbeben von den Helfern eingesetzt werden. Sie kommen in der Landwirtschaft zur Anwendung und beobachten das Ozonloch. Und seit neuestem machen sie Zugfahrten in Spanien einfacher.

Nicht direkt. Die Züge in Spanien kommunizieren nicht direkt mit Satelliten im All. Aber die Technik, die speziell für die Arbeit mit Satelliten entwickelt wurde, kommt nun auch bei der Organisation des spanischen Zugverkehrs zum Einsatz.

Als im Jahr 2002 der acht Tonnen schwere Erdbeobachtungssatellit Envisat von der europäischen Weltraumagentur ESA ins All gestartet wurde, war er mit Gesamtkosten von 2,3 Milliarden Euro der bis damals teuerste Satellit der ESA und der größte Satellit, der jemals ins All geschickt wurde. Um so einen Satelliten kümmert man sich natürlich besonders gut. Und das ist kompliziert. Nicht umsonst haben Weltraumorganisationen wie die ESA oder die NASA eindrucksvolle Kontrollräume mit dutzenden Computern und Mitarbeitern, die ständig davor sitzen und den Satelliten überwachen. Wenn man sich mit dem Auto verfährt und eine keine Beule in den Kotflügel macht, lässt sich das leicht reparieren. Aber wenn ein Satellit erst einmal im Weltall ist, dann kann man ihn nicht einfach reparieren, falls man einen Fehler gemacht hat. Die Überwachung muss lückenlos sein und man darf keine Fehler machen. Die Software muss kontinuierlich arbeiten, darf nicht ausfallen und muss zehntausende Parameter ständig im Blick haben.

Satellitenkontrollraum der ESA in Darmstadt (Bild: ESA-J.Mai)

Und wenn man mit Satelliten im All klar kommt, ist es eigentlich nicht mehr schwer, Züge auf der Erde zu organisieren. Als in Spanien also ein Weg gesucht wurde, all die verschiedenen Züge im Blick zu behalten, sprang das ESA-Programm zum Technologietransfer ein und vermittelte den Kontakt zur Raumfahrt. Die selbe Firma, die die Software für die Envisat-Kontrolle entwickelt hat, schrieb nun auch die Software für die spanische Eisenbahn. Auch hier sind es jede Menge Informationen, die ständig im Blick behalten werden müssen: Welcher Zug ist gerade unterwegs und wo befindet er sich? In welche Richtung fahren die Züge? Wo entlang der Strecke stehen Ampeln und Signale und was zeigen sie an? Welche Züge sind pünktlich und bei welchen gibt es Störungen? Und so weiter. All diese Informationen müssen aufgenommen, verarbeitet und interpretiert werden. Für diesen Zweck verwendeten die Entwickler die gleichen Routinen, die auch schon bei der Steuerung von Envisat zum Einsatz kam.

Das von Satelliten inspirierte System kommt nun in hunderten spanischen Bahnhöfen zum Einsatz. Daten über die Züge werden in Echtzeit verarbeitet und die Fahrgäste können ganz genau sehen, wann ihr Zug tatsächlich ankommt und wo er ankommen wird.

Die Raumfahrt mag zwar für viele eine abstrakte und vielleicht sogar unnötige Beschäftigung sein. In der Realität beeinflusst sie unser Leben aber auf vielfältige Weise. Übrigens: Wenn einem mal das Öl in der Teflonpfanne anbrennt und der Rauchmelder in der Wohnung rechtzeitig vor der Gefahr warnt, dann ist das auch der Raumfahrt zu verdanken. Denn im Gegensatz zum Teflon wurde der Rauchmelder tatsächlich in den 1970er Jahren zuerst für den Einsatz auf der NASA-Raumstation Skylab entwickelt…

Florian Freistetter

Florian Freistetter ist Astronom. Er promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena, arbeitet dort an der Dynamik der extrasolaren Planeten, ärgert sich mit den Details der DFG-Antragstellung herum und bloggt über Wissenschaft.

3 Antworten

  1. Da sieht man mal wieder, dass die Raumfahrt nicht nur ein gigantisches Groschengrab ist, sondern dass viele Dinge, die wir heute nicht mehr missen möchten dort ihren Ursprung haben.

  2. Hallo

    Ich bin über das Bild im Artikel hier gelandet und muss schon sagen, dieses Kontrollzentrum hat etwas. Gibt es eine Möglichkeit dort mal einen Besuch abzustatten? Ist da was bekannt? Eine Führung o.ä.?

    Gruß

    • Solveig Wehking Solveig Wehking

      Da müssten Sie sich direkt an das Kontrollzentrum wenden, wir können das nicht beantworten.