Neue Erkenntnisse aus der Analyse der frühen systemischen Krebserkrankung

 

Steve Jobs' Fehler

Wenn sich Tochtergeschwülste eines Primärherdes, so genannte Metastasen, abgesiedelt haben, ist eine Krebserkrankung in der Regel lebensbedrohlich und schwer behandelbar. Die Konzentration in der Forschung liegt dementsprechend darin, Risikopatienten zu identifizieren und das Auswachsen von Metastasen durch gezielte Therapien zu verhindern.

Schwerpunkt ist dabei der direkte Nachweis einzelner gestreuter Tumorzellen zu einem Zeitpunkt, an dem noch keine Metastasen mit den in der Klinik üblichen Verfahren (zum Beispiel CT oder Ultraschall) nachweisbar sind.

Schon Mitte der 1990er Jahre wurde deutlich, dass entweder nicht alle Zellen, welche über spezifische Marker im Knochenmark entdeckt werden, Tumorzellen sind, oder aber nicht alle Tumorzellen zu Metastasen auswachsen.

Dies ergab sich, weil zahlreiche Patienten, bei denen Marker-positive Zellen gefunden wurden (Knochenmarkbefund), keine Metastasen entwickelten. Entsprechend konzentrierte sich die Forschung auf die Charakterisierung der im Knochenmark oder in den Lymphknoten entdeckten Zellen.

In den vergangenen 20 Jahren sind aus verschiedenen Gründen die Fortschritte bei der Analyse von Tumorzellen gering gewesen. Einen Durchbruch ergab die Fokussierung auf die Analyse der Nukleinsäuren DNA und RNA. Unserer Arbeitsgruppe gelang die Entwicklung zweier Techniken, mit denen sich erstens die gesamte genomische DNA einer Zelle vermehren lässt wie auch die gesamte mRNA einer Zelle.

Die mRNA ist die Information, die von einem Gen abgelesen und in ein Protein übersetzt wird. Mit der Möglichkeit, das Genom der gestreuten Tumorzellen zu untersuchen, ließen sich erstmals zentrale Aussagen des vorherrschenden Tumorprogressionsmodells, das von einer linearen Zunahme von Tumorzellen ausgeht, überprüfen.

So lässt sich zum Beispiel untersuchen, wann die Streuung von Tumorzellen im Verlauf der Tumorentwicklung beginnt. Das völlig unerwartete Ergebnis war, dass die Streuung extrem früh einsetzt. Eine weitere Überraschung war, dass die Tumorzellaussaat nicht mit der Größe des Tumors zunahm.

Wir konnten auch die Annahme der genetischen Ähnlichkeit von Primärtumor und gestreuten Tumorzellen überprüfen. Für alle bislang untersuchten Tumortypen ergibt sich das gleiche Bild: Sowohl im Knochenmark als auch in Lymphknoten weisen die gestreuten Tumorzellen deutliche Unterschiede zu dem vorherrschenden Klon des Primärtumors und zwar bezüglich der meisten genetischen Defekte.

Meist fanden wir bei den gestreuten Tumorzellen deutlich weniger genetische Defekte als in Primärtumorzellen, ein Befund, der dem bislang gültigen linearen Akkumulationsmodell klar widerspricht.

Diese Befunde stellen damit das bisherige Denken über den Ablauf einer Krebserkrankung auf den Kopf und werfen viele Fragen auf.

Prof. Dr. Christoph Klein vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ist zugleich Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Medizin Universität Regensburg. 2011 wurde er für die beschriebene Krebsforschung mit dem Dr.-Josef-Steiner-Preis ausgezeichnet.

Steve Jobs ist an Krebs gestorben. Und an Ignoranz.
Den Applegründer quälte schon länger ein Nierenleiden, als er im Oktober 2003 zufällig seine Urologin traf. Sie forderte ihn auf, eine Tomographie machen zu lassen, die letzte sei schon fünf Jahre her. Jobs – schon lange eine Skepsis gegenüber der Schulmedizin mit sich herumtragend – fügte sich. Das Ergebnis brachte keine Probleme mit den Nieren ans Licht. Aber einen Schatten auf der Pankreas. Die Urologin forderte ihn auf, einen weiteren Termin zu vereinbaren. Er ignorierte die Aufforderung, denn, wie Biograph Walter Isaacson feststellte: “Er war gut darin, stur Informationen zu ignorieren, die ihm nicht in den geplanten Ablauf passten”.

Die Urologin hatte offenbar sowohl die Ahnung, was der Schatten bedeuten könnte wie auch ihre Erfahrungen mit Jobs und bestand ein paar Tage später auf einer Pankreasuntersuchung. So kam Steve Jobs im Oktober 2003 zur Diagnose Pankreaskrebs. Noch am gleichen Abend nahmen die Ärzte eine Biopsie vor. Deren Ergebnis wiederum veranlasste die Mediziner zu großem Optimismus. Es kommen nämlich hauptsächlich zwei Arten des Bauchspeichdrüsenkrebses vor: das Adenokarzinom und den Inselzellen-Tumor. Das erstere wird in ungefähr 19 von 20 Fälllen diagnostiziert, wächst schnell und ist schwieriger behandelbar. Deshalb gilt es als Todesurteil. Der Inselzellen-Tumor dagegen wächst langsamer und ist einfacher zu operieren, wenn man ihn früh genug entdeckt. “Früh genug”, diese Formulierung lässt sich bei Tumoren meistens an einem speziellen Zeitpunkt festmachen: dem Moment, ab dem Krebs “zu streuen” beginnt, also ab wann Tumorzellen durch den Körper wandern.

Neueste Forschungen zeigen hier für die Fachwelt überraschende Ergebnisse. Zum einen fangen Tumoren noch viel früher an zu streuen, als man bisher annahm. Und die Streuung hat wenig mit der Größe des Tumors zu tun. Auch bilden nicht alle gestreuten Zellen Metastasen aus. Die Forschung, warum und wie genau diese Zellen Ableger des Tumors bilden, ist also elementar – zum Beispiel, weil ein Medikament, was gezielt die Ansiedlung von umhergestreuten Zellen verhindern würde, viel Zeit für die Behandlung gewinnen würde. Zeit ist auch für Steve Jobs der entscheidende, letztlich todbringende Punkt gewesen. Denn statt das Glück im Unglück, einen operierbaren Tumor ausgebildet zu haben, medizinisch sinnvoll zu nutzen – entschied er sich gegen eine Operation. Seine Familie, aber auch Freunde wie Intel-Chef Andy Grove, der selbst eine Krebserkrankung überlebt hatte, redeten auf ihn ein. Sogar ein bekannter Naturheilkundler riet ihm dringend zur Operation. Aber Jobs bestand darauf, dem Krebs zu begegnen mit Fruchtsäften, Kräutern und mit placeboeffektstimulierenden Nadelattacken, also Akupunktur. Kurzzeitig soll er laut Isaacson sogar unter dem Einfluss eines Scharlatans gestanden haben, der ihm Darmspülungen sowie das Herausschreien negativer Gefühle empfahl.

Neun Monate später erst, unter dem Flehen seiner Familie, lenkte er ein und unterzog sich einer Operation. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist es wahrscheinlich, dass genau diese neun Monate den Unterschied zwischen Leben und Tod ausgemacht haben. Denn Steve Jobs scheint letztlich daran gestorben zu sein, dass der Krebs nicht mehr vollständig entfernt werden konnte. Seine Leberstransplantation etwa deutet darauf hin, denn die Leber ist oft der Angriffspunkt für gestreute Krebszellen. Eine seltsame Ironie des Lebens oder vielmehr Ironie des Todes, dass die Person, deren Einfluss auf die Technologie des 21. Jahrhunderts größer war als von sonst jemandem, ausgerechnet an der Verweigerung von High-Tech-Medizin gestorben sein mag. Aber vielleicht war sein Tod nicht umsonst, denn nach seiner Abkehr von der gefährlichen Quatschmedizin brachte er mit seinen unbegrenzten finanziellen Mitteln die Krebsforschung voran, zum Beispiel liess er sein Tumorgenom komplett identifizieren. Lernen kann man daraus – gerade in Kombination mit den neuen Forschungsergebnissen – dass buchstäblich jeder Tag zählt, im doppelten Wortsinn: bei der Behandlung von Krebs. Und beim Leben selbst natürlich auch.


Christoph Klein

Christoph Klein
Prof. Dr. Christoph Klein vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ist Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Medizin Universität Regensburg. Er erhielt 2011 den Dr.-Josef-Steiner-Preis, der auch als "Nobelpreis der Krebsforschung" bezeichnet wird.

Sascha Lobo

Sascha Lobo ist Autor und Strategieberater; Details finden sich unter http://saschalobo.com/ich

16 Antworten

  1. tja, leider sind viele Männer etwas ignorant bzgl. Ärzten und vernachlässigen die Vorsorge! :-(

  2. Marcel

    Was hat denn das jetzt mit dem Geschlecht zu tun?

    • Jürgen

      Die Frage nach dem Zusammenhang mit dem Geschlecht stelle ich mir auch. Meine Mutter ist auch eine Frau und geht nur sehr widerwillig zum Arzt!

  3. Pingback: Steve Jobs: Starb er an Ignoranz? « Atheist Media Blog

  4. Es zeugt vor allem von Ahnungslosigkeit, anhand der Sturheit eines Einzelnen argumentativ gegen die gesamte Alternativmedizin ins Felde zu ziehen. Gewiss ist: es gibt kein alternativmedizinisches Verfahren, mit dem sich Pankreaskrebs heilen ließe. Gewiss ist aber auch: Steve Jobs hat erstaunlich lange mit dieser fürchterlichen Diagnose gelebt. Keiner von uns weiß es, aber es lässt sich ja zumindest spekulieren, ob sein Lebensstil eventuell sogar lebensverlängernd gewirkt haben könnte. Denn ebenso weiß niemand, ob er mit einer früheren Operation und anschließender Chemotherapie länger gelebt hätte. Das soll kein Einwand gegen die Schulmedizin sein, es ist törricht, sie zu verteufeln. Aber ebenso törricht ist es, grundsätzlich die Komplementärmedizin zu verteufeln.

    Denn: Das was du als “placeboeffektstimulierende Nadelattacken” bezeichnest mag keinen Krebs heilen, aber selbst die käufliche WHO empfiehlt Akupunktur bei einer Vielzahl von Leiden. Insgesamt kann man den Eindruck gewinnen, dass Gegner der Alternativmedizin genau verbohrt, uninformiert und ketzerisch sind wie die Esoterik-Spinner.

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  6. Sascha Lobo

    Liebe Anousch. Ich lehne Akupunktur nicht grundsätzlich ab, sie funktioniert gut, wenn man den Placeboeffekt stimulieren möchte. Was sich unter anderem darin spiegelt, dass Scheinakupunktur ebenso gut funktioniert wie die nach der TCM. Das sagen diejenigen ernstzunehmenden Studien, die ich nachgelesen habe (unter anderem die verlinkte). Was die WHO sagt, ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch motiviert und interessiert deshalb nur so mittel im konkreten Fall. Abgesehen davon, dass (ausschliessliche) Akupunktur bei Krebs wirklich nur von Scharlatanen empfohlen wird.

    Dass Jobs so lange gelebt hat, lag daran, dass er nach den neun Monaten mit vielen Millionen Dollar ein extrem hochkarätiges Expertenteam zusammengestellt hat, bestehend aus Schulmedizinern.

    Wenn es einen Zeitpunkt gibt, den angeblich krebsbehandelnden Teil der Komplementärmedizin zu verteufeln, dann doch wohl, wenn es recht eindeutig zur Nichtheilung eines eigentlich heilbaren, bzw. vollständig operablen Krebses geführt hat.

    Das alles ändert gar nichts daran, dass gesunde Ernährung gut und richtig ist. Und auch nichts, dass sicher verschiedene wirksame Methoden existieren, die der Schulmedizin unbekannt sind. Nur Pankreas-Krebs bekämpft man so nicht, gar nicht, nie, nirgends. Das neunmonatige Zögern hat ziemlich sicher (Quelle: Walter Isaacson) dazu geführt, dass der von Prof. Klein beschriebene Mechanismus der Streuung von Krebszellen so weit fortgeschritten war, dass es für eine vollständige Heilung zu spät war.

    • Stephan Altrogge

      “Aber wenn die schöne Kunst der Prokrastination mit Hilfe von Gesundheitsargumenten madiggemacht werden soll, können wir nicht tatenlos zusehen. Das Aufschieben von Plänen, so heißt es immer wieder, sei kein harmloser Spaß,sondem mit ernsten Gesundheitsgefahren verbunden, weil die Betroffenen mit Arztbesuchen und gesunden Verhaltensänderungen zu lange warteten. [...] Und ohne zwingenden Grund zum Arzt zu laufen ist weder dem Kontostand noch der Gesundheit zuträglich. Den Schäden durch Nichthandeln stehen Schäden durch unnötiges Handeln gegenüber – seit man beispielsweise die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren reduziert, fallen in allen Industrieländem die Raten an neu festgestellten Brustkrebsfällen.” (aus: Passig/Lobo: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin Weltbild 2011, S. 154)

      Ob Steve Jobs ein Prokrastinierer war und das Buch gelesen hat (falls er deutsch konnte oder es eine englische Übersetzung gibt?)

  7. Pingback: dies und das…. vom 24.11.2011 | meinekleineApfelkiste.de

  8. Andreas Nader

    Das ist so ekelhaft, dass ich vollkommen ergriffen bin. Haben Fraunhofers es neuerdings nötig, die privaten Entscheidungen von Verstorbenen für Werbund in eigener Sache auszubeuten?

  9. Solveig Wehking Solveig Wehking

    Es ist die Entscheidung der Redakteure, in diesem Fall Sascha Lobo, wie aktuelle Themen im Dual-Blog Modus aufgegriffen werden und Steve Jobs hat selbst entschieden, seine eigene Krankheit nicht nur im privaten zu belassen. Da es sich um Grundlagenforschung handelt, geht es nicht um Werbung, sondern darum, aktuelle Forschungsergebnisse zur Diskussion zu stellen.

  10. Sascha Lobo

    Überall scheinen sie zu stecken, die Esoteriker, und persönlich beleidigt fühlen sie sich, wenn man ihre Welthaltung in Frage stellt.

    Wissenschaft bedeutet auch, falsch und richtig zu unterscheiden, auf der Basis messbarer Ergebnisse. Dass dabei Fehler passieren, dass endgültige Wahrheiten auch eine philosophische Dimension haben – vollkommen klar. Aber herauszufinden, ob die Erde eine Scheibe ist oder nicht, oder das Herausschreien negativer Energie gegen Krebs hilft oder nicht, das kann Wissenschaft recht gut leisten. Mithilfe der Empirie zum Beispiel.

    Aus diesem Grund halte ich es für wichtig, in der Kommunikation, die der Wissenschaft folgt, deutlich zu werden und Fehler Fehler zu nennen. Und es ist ein Fehler, bei einem im frühen Stadium operablen Krebs zu lange zu warten. Prof. Klein hat herausgefunden, dass der Prozess der Verbreitung von Krebs noch schneller beginnt, als man ohnehin schon dachte. Der Artikel über Steve Jobs soll zeigen, dass selbst die scheinbar aufgeklärtesten Leute, mit hoher Intelligenz und großer Affinität zur Technologie beim Thema Gesundheit alle empirisch begründete Rationalität fahren lassen, eben esoterisch beginnen zu denken und handeln. Und sich damit nachweisbar in Gefahr begeben.

    Steve Jobs hat seine Krankheit öffentlich gemacht, er darüber gesprochen in öffentlichen Auftritten, er hat die Biographie, aus der ein größerer Teil der in meinem Artikel befindlichen Informationen stammt, selbst autorisiert. Er hat sein Zögern schließlich selbst auch als Fehler bezeichnet, bzw. bedauert. Darüber hinaus stammt die Analyse, dass bei einer Operation neun Monate früher Jobs hätte geheilt werden können, von Isaacson, der sich dabei auf Jobs’ Ärzte bezieht.

    Wenn Abwarten mit so hoher Wahrscheinlichkeit lebensverkürzend wirkt – dann halte ich es für ausgesprochen sinnvoll, es als Fehler zu bezeichne, als Ignoranz, als etwas, was man lieber nicht nachahmen sollte. Würde ich meine Meinung je ändern? Natürlich, und zwar in dem Moment, wo jemand um die Ecke kommt mit empirischen Beweisen, dass Pankreaskrebs wirkungsvoll bekämpft werden kann mit dem Herausschreien negativer Gefühle und Darmspülungen. Bis dahin ist ein Fehler ein Fehler ein tödlicher Fehler.

  11. Peter

    Ich habe hatte BSDK und mit mir wurde zusammen am gleichen Tag eine 2 Person mit gleicher Diagnose eingeliefert. Ich habe mir die Whipple machen lassen danach Bestrahlung und Chemo. Der Kollege wollte das nicht. Ich bin noch …….er nicht mehr.

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