In der angewandten Forschung geht es anders als in der Grundlagenforschung in der Regel um Produkte, die am Ende jemand kaufen wollen soll. Aber wer? Und warum?
Um das herauszufinden, hilft ein uralter Trick: einfach fragen, ob die Leute die erfundenen Produkte überhaupt haben möchten.
Auch wenn Fraunhofer selbst keine verkaufsfähigen Endprodukte entwickelt, wird oft eng mit Industriepartnern zusammengearbeitet, die dann aus den Prototypen Produkte basteln. Dieser Prozess der Kooperation kann sehr unterschiedlich ablaufen. Manchmal gibt es ganz konkrete Aufträge für die Fraunhofer-Gesellschaft: Erfindet doch mal ein Hoverboard (leider bloß ein Beispiel). Und manchmal eröffnen sich durch Änderungen in der Gesetzgebung Chancen, neue Produkte zu entwickeln. Für die Forschenden des Fraunhofer Instituts IVV ergab sich durch eine neue EU-Gesetzgebung die Möglichkeit, neuartige Frischhaltefolien zu entwickeln. Aber ohne Industriepartner, der das Potenzial erkennt und bereit ist, Geld für Produktion und Vermarktung zu investieren, bleibt es nur ein Prototyp.
Abgesehen von den Hürden, die eine Produktion im großen Stil bedeutet, gibt es noch einen Haken und der heißt Markt. Neue Produkte sind immer eine Art Wette, ob der Markt sie überhaupt haben möchte. Der Begriff Markt hat ja in letzter Zeit etwas gelitten, weil er so oft mit zweifelhaftem Geschäftsgebaren in der Finanzwelt in Verbindung gebracht wird. Aber eigentlich bedeutet Markt: die Leute. Wollen die Leute überhaupt eine verbesserte Frischhaltefolie – eine Frischer-Haltefolie, sozusagen? Und ist das Ganze preislich realistisch zu bewältigen? Selbst die euphorischsten Frischhaltefolienutzer würden vermutlich ins Grübeln kommen, wenn eine grandiose neue, um 134% verbesserte Folie dann aber fünfzig Euro die Rolle kostet. Das Forschungs-Blog ist (unter anderem) dazu da, die Jahrtausende alte, famose Kulturtechnik des Fragens für die Planung von Forschungsprojekten und die Entwicklung von Prototypen anzuwenden, zum Beispiel zum Thema Frischhaltefolie.

Es gibt nicht allzu viele Folien, die die Leute wirklich interessieren. (Foto: Hey Paul, Flickr.com)
Die sozialen Medien sind dafür natürlich wunderbar geeignet, weil Leute sie benutzen und ziemlich einfach ihre Meinung sagen können. So könnte man zum Beispiel auch herausfinden, ob die Leute wirklich Smartphones mit einer 40-Megapixel-Kamera kaufen möchten oder sich eigentlich nur wünschen, dass der Akku länger als drei Stunden hält.
Ziemlich sicher werden wir in den nächsten Jahren immer mehr Unternehmen und Institutionen sehen, die in sozialen Medien auf die eine oder andere Art die Frage stellen: Ist das so okay, wie wir das machen? Sich und seine Produkte zur Diskussion stellen, könnte man das nennen oder Marktforschung der Zukunft oder einfach: mit den Leuten reden wie mit normalen Menschen. Für diese Form der Kommunikation gibt es einen Haufen negativer Beispiele, was in erster Linie zeigt, dass sich Unternehmen und Institutionen noch daran gewöhnen müssen. Dialog muss man lernen, und zwar von beiden Seiten aus. Und man wird die Strukturen anpassen müssen, damit der Dialog auch tatsächlich etwas bewirken kann. “Einfach nachfragen” hört sich simpel an, aber wenn man herausfindet, dass 40-Megapixel-Kameras im Handy niemanden interessieren, wie speist man diese Information in die hochkomplexen Produktionsprozesse ein? Die womöglich nur dafür gebaut wurden, 40-Megapixel-Kameras in Handys einzubauen?
Beim Dialog geht es aber nicht nur um konkrete Produkte, sondern auch um die allgemeine Akzeptanz von Konzepten und Ideen. Nicht, dass man mit einem Dialog vorher immer Kritik danach verhindern kann – aber man bekommt schon einmal einen Eindruck, wie der Markt und die Leute überhaupt ticken.
Im Januar haben wir zu dem Thema Verpackungen, genauer gesagt: zu einer Spezialfolie, mit der Lebensmittel verpackt werden nachgefragt. Sie gibt den Konservierungsstoff Sorbinsäure in Minimalmengen ab und trägt so dazu bei, dass weniger Lebensmittel verderben (was weltweit ein echtes Problem ist). Es gab ein Voting zu dieser neuen Folie, die zwar schon erfunden wurde, aber noch nicht völlig marktreif ist und für die es noch keinem Industriepartner gibt, der sie am Ende herstellt und anbietet.
Das Ergebnis war absolut überraschend: sagenhafte 1.058 Personen haben am Voting teilgenommen. Lebensmittelverpackungen sind auf den ersten Blick jetzt nicht unbedingt das Thema, das einen abends nicht schlafen lässt, weil es so aufregend war, darüber mit allen Freunden zu chatten. Deshalb haben wir es hier auch ausgewählt: einen Nicht-Selbstgänger, sozusagen, und ganz ohne iPad-Verlosung.
Von den 1.058 Teilnehmern konnten sich
• 591 (56%) vorstellen, Lebensmittel mit der vorgestellten Folie zu kaufen,
• 277 (26%) finden Verpackungen generell nicht so sinnvoll,
• 102 (10%) fanden die Idee generell gut,
• 53 (5%) lehnen Konservierungsstoffe ab und
• 35 (3%) ist es relativ egal.
Übersetzt: ungefähr zwei Drittel der Befragten kommen nach eigener Aussage als Endkunden in Frage. Weil Lebensmittel und Verpackungen ein ziemlich delikater Bereich sind, ist das ein überraschend hoher Wert und es macht wenig aus, dass es keine Repräsentativbefragung war – bei noch nicht existierenden Produkten kann es sowieso nur um Tendenzen gehen.
Zusätzlich gab es noch eine genauso unerwartet muntere Diskussion rund um Lebensmittelverpackungen:
• auf dem Blog 32 Kommentare und 78 Likes
• auf Google Plus 63 Kommentare, 66 Likes und 30 Artikel-Shares
• auf Facebook auf den drei Verbreitungskanälen insgesamt 118 Likes und 53 Kommentare
• sowie auf Twitter 90 Verlinkungen und ca. 100 Erwähnungen/Interaktionen
Die Fragen und die Antworten waren natürlich vorher abgesprochen mit den Forschenden, die für die Entwicklung und auch die Weiterentwicklung der Folie verantwortlich sind: Carolin Hauser und Peter Muranyi. Auch sie waren über das große Echo überrascht und noch mehr darüber, dass es relativ eindeutig ausgefallen ist: „Es zeigt uns, dass es sich lohnt, an der Folie weiterzuarbeiten und es motiviert uns sehr.”
Natürlich sind auch potenzielle Industriepartner eher bereit, ein Produkt herzustellen und anzubieten, wenn es solche Hinweise darauf gibt, dass die Leute auf so ein Produkt nicht reagieren, als würde man ihnen einen Strandurlaub in Fukushima verkaufen wollen. Die Ergebnisse der Umfrage fließen ganz direkt in das weitere Vorgehen in dieser Sache ein. Das ist noch nicht ganz der Höhepunkt von Crowd Science, also Wissenschaft und Forschung mithilfe des Internet, aber schon ein Schritt in diese Richtung. Weitere werden folgen, denn den zugegeben etwas sperrigen Begriff “Discover Markets” kann man auch so formulieren:
Liebe Leser, sagt uns doch mal, an welchen tollen neuen Produkten soll eigentlich geforscht werden?
Vermutlich haben viele Leute ganz gute Ideen, auch abgesehen von Hoverboards.

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Hallo SL und SW,
seit Jahren träume ich von echten Drink-Shots. Kugeln in einem handlichen Format. Die Hülle ist aus einem verdaulichem Material, welches dann irgendwann auch mit unerträglich vielen Aromen penetriert werden kann. Der Inhalt der Kugeln ist einfach nur Wasser. Jogger, Sportler und sicher allen voran die Gi´s, könnten sich eine Notration einstecken und bei bedarf einfach verzehren.
Der Inhalt Wasser könnte so noch einmal zu einem unwürdigem Preis verkauft werden. Um die Akzeptanz mache ich mir keine sorgen, wäre bestimmt auch Konsument.
Die Nachhaltigkeit ist durch den rückstandlosen Verzehr der erste Aspekt. Außerdem gäbe es keine verschwenderische Gelegenheit für das gut.
Damit mein Vorschlag nicht als ironischer Beitrag wahr genommen wird … Ich stelle mir nach der Luxusvariante Jogger folgendes Szenario vor – Ich bin auf dem Weg zu einem Meeting, die in meiner immer mitgeführten Tasche befindliche Pfandflasche ist durch einen flachen Körper ersetzt indem sich zahlreiche Saver-Shots befinden (ähnlich Kaugummis zum Rausdrücken) … ich nehme ein Bällchen (Form ist für den Moment unwichtige) und stecke es mir in den Mund. Ich kaufe drauf und die spezielle Hülle reagiert mir meinem Speichel und löst sich auf. Geschmacksneutral setzt die Hülle neben den beinhalteten Nährstoffen auch das erfrischende Wasser frei (Geil wäre, wenn es auch temperiert reagieren würde um immer frisch aus dem Behältnis auszuweichen). … Das gleiche für das rote Kreuz alias US-Army aka Nato-Truppen. Ein kleiner Negerjunge muss nicht mit nem Kübel Wasser holen wobei er die Hälfte verschüttet, er bekommt einfach ein paar Kugeln und freut sich über den Effekt und überlebt ….. bla bla bla … so eine Idee sieht in meinem Kopf natürlich noch viel reifer aus … für die eMail reicht´s erst mal ;-)
Gruß und schöne Zeit
SPL
Hallo,
die Befragung der Konsumenten hat aber einen Hacken, zumindest wenn dies öffentlich über das Social Media geschieht, die Mitbewerber. Mit dem öffentlichen bekanntgeben einer Idee erfahren dies natürlich auch die Mitbewerber und sind ggf. sogar schneller mit dem Produkt am Markt.
Viele Grüsse,
UL
Hallo Ulrich, das stimmt sicher in vielen Fällen, aber es gibt trotzdem eine Menge Platz für Fragen und Antworten. Bei der Folie ist es tatsächlich so, dass sie technisch machbar ist, so wie Prototypen eben zeigen, dass etwas technisch geht und jetzt ist die große Frage, ob es einen Bedarf dafür gibt und wer sich ins finanziele Risiko stürzt. Da gibt es noch eine Fülle von Beispielen und wir werden dazu auch noch einiges “ausgraben.”
Pingback: Facebook, Google, Dropbox – unser Wochenrückblick.
Hallo,
ich bin ein Neuling in dieser ganzen socialmedia-sache aber entweder ich erkenne die Ironie nicht oder Ihr meint das ernst: “Das Ergebnis war absolut überraschend: sagenhafte 1.058 Personen haben am Voting teilgenommen. ” 1058 Personen sind schon ein Knüller? Das ist doch weit entfernt von einer aussagefähigen Masse oder täusche ich mich?
Gruß
kuno
Kuno, da ist keine Ironie. 1.058 Leute bei einem Thema wie Frischhaltefolie, das ist für deutschsprachige Verhältnisse ausgesprochen viel, auch nach Einschätzung von Leuten, die nichts mit diesem Projekt zu tun haben. Mit der “aussagefähigen Masse”, das ist so eine Sache. Wie schon beschriebe, ist das natürlich keine repräsentative Umfrage (das sind im Internet die allerwenigsten, sowieso). Aber da beinahe jeder Lebensmittel kauft oder kaufen könnte, betrifft ein solches Produkt natürlich potenziell auch fast jeden. Wie schon geschrieben: trotz der Nichtrepräsentativität ist die Umfrage ein gutes Stimmungsbild. Was sie auch sein sollte.
Alles klar,
danke für deine Antwort. Wie gesagt ich bin neu auf diesem Terrain. Ich versuche immer noch die wahre Relevanz von socialmedia und -marketing einzuschätzen. Ganz klar ist darin die Zukunft zu sehen für den Moment scheint es mir eher so, dass man sich rüsten sollte aber sich noch nicht all zu viel erhoffen kann.
Nochmal thx
kuno
Ich fände es sinnvoll, wenn man mal mehr in Richtung Virenforschung tun würde.
Hatte vor einiger Zeit stressbedingt immer Aphten. Es gibt zwar Mittel die helfen sollen, aber das ist entweder nur ne zeitliche Betäubung oder aber ich kann meine Nieren gleich bei eBay versteigern, da die Nebenwirkungen unverschämt sind.
Zudem ist denke ich Forschung an der DNS sinnvoll (rosetta@home und co.)
Warum? Einfach weil es nicht schaden kann mehr über die DNS zu wissen und man vermutlich auch gar nicht wissen kann, was alles möglich ist, wenn man nicht alles über DNS weiß ;)
An welchen tollen neuen Produkten sollte geforscht werden? Für mich wären das: Alternativen zu tierischen Produkten (für Tiere und Umwelt). Allen voran veganer Käse, was da auf dem Markt ist, dient höchstens als abschreckendes Beispiel. Oder wetterfestere Textilien für Schuhe, als Alternative zu PU u.ä.
Desweiteren würde ich mir und/oder der Welt wirksame plus gut verträgliche Mittel gegen unreine Haut, sportresistenten Hüftspeck und [ernsthafte Krankheit der Wahl] wünschen :-)
Oh und ganz wichtig, nachhaltige massentaugliche Energiekonzepte inklusive Fortbewegungsmittel.
An all diesen Dingen wird ja längst geforscht, aber teilweise ist da sicher noch Luft nach oben.
Eine weitere spontan Idee wären bessere Abluftfilterkonzepte für Staubsauger.
Ich hätte da eine Idee: 100% Recycling.
Ich stell mir das so vor: Müll-LKWs fahren zu einem riesigen Fabrikgelände, kippen dort den Müll ab, und durch computergesteuerte Maschinen (->Fraunhofer) wird alles sortiert und am besten zu 100% recycelt.
Was übrig bleibt, kippen wir in ein künstlich hergestelltes, tiefes Loch in Vulkannähe, lassen den Rest-Müll in in der Lava schmelzen und er fließt ins Erdinnere. Unsere alten Deponien könnten wir auch abtragen und ins “Lava-Loch” hineinwerfen.
Science-Fiction-Ende