Die Brille für die Beine

Eine gesellschaftliche Arbeitshypothese: Alle Menschen sind behindert. Nur Ausprägung und Grad unterscheiden sich.

Das mag sich für Leute seltsam anhören, die beim Begiff “behindert” nur in Rollstuhldimensionen denken und alle paar Jahre durch die Paralympics zappen. Aber eigentlich ist der Ansatz, Einschränkungen als völlig normalen Teil des Lebens zu begreifen, sehr sinnvoll, vielleicht sogar der einzig sinnvolle. Ein schnelles Gedankenexperiment: ein kleiner Platz in der Innenstadt ist von einer 20 Zentimeter hohen Stufe umgeben. Kümmert niemanden, alle hüpfen lachend drüber. Alle, bis auf Leute, die in schweren Elektrorollstühlen sitzen. Gut, und Blinde, die über die Stufe stolpern. Und ein paar sehr Alte, mag sein. Aber so viele sind das ja nicht, kann man ignorieren, deren Problem.

Die Stufe ist 50 Zentimeter hoch. Die ersten Leute bekommen Probleme, die vorher Stein und Bein geschworen hätten, sie seien nicht behindert. Besonders schwere Leute. Sämtliche Rollstuhlfahrer, die meisten Gehhilfenverwender, viele Ältere und ein paar, die vielleicht zugeben würden, unsportlich zu sein. Immer noch nicht die Mehrheit, deren Standardreaktion vermutlich wäre: dann geht man halt nicht auf den Platz, ist doch nur ein Platz.

Die Stufe ist 120 Zentimeter hoch. Einige von denen, die jede Rollrampe als überflüssig bezeichnen würden und die im Zug wegen einer 45sekündigen Verzögerung genervt auf den Rollstuhllift schauen, fühlen sich irgendwie eingesperrt. Aber auch Leute mit schweren Einkaufstüten haben ernsthafte Schwierigkeiten. Fast alle über 65 Jahren brauchen Hilfe, viele unter 65 auch.

Die Stufe ist 170 Zentimeter hoch. Alle unter Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen sind de facto eingesperrt, immobil, auf Hilfe angewiesen.

Die Stufe ist 250 Zentimeter hoch. Außer Sergej Bubka sind ungefähr alle – ja, man kann es so sehen: behindert. Und selbst Bubka braucht einen Stab.

Wenn also – so noch immer unsere Arbeitshypothese – alle Menschen irgendwie behindert sind, dann ergibt sich daraus nicht nur eine neue, viel freundliche und vor allem selbstverständlichere Sicht auf Behinderung allgemein: die Welt ist von der sich nicht behindert fühlenden Mehrheit so gebaut worden, dass sie ihnen ausreicht, sich nicht behindert zu fühlen. Behinderung ist immer auch eine gesellschaftliche Konstruktion, und die Grenzen zwischen der Zuschreibung “behindert” und “nichtbehindert” sind so fließend, dass man sie eben als willkürlich betrachten und beliebig verschieben kann.

Aus unserer Arbeitshypothese ergibt sich umgekehrt aber auch eine neue, positive Sicht auf technische Hilfsmittel für Behinderungen. In einigen Bereichen hat das schon vor langer Zeit stattgefunden, Brillen oder Kontaktlinsen sind strenggenommen nichts anderes als ein Rollstuhl – sie verbessern technisch die vorhandenen körperlichen Fähigkeiten. Selbst ein Auto kann man so betrachten: die große Rennbehinderung praktisch aller Menschen, die ja nur deutlich langsamer als 130 Stundenkilometer laufen können, wird durch das Hilfmittel Automobil temporär ausgeglichen.

Diese Sichtweise ermöglicht, die folgenden Apparate nicht bloß als “High-Tech-Gehhilfen” zu sehen, sondern unter dem postiven Blickwinkel der Mobilitätsoptimierung. Das Unternehmen Ekso Bionics baut die oben abgebildeten exoskeletthaften Geräte, die – wie man zunächst vermutet – in erster Linie für physische Rehabilitationstrainigs verwendet werden. Folgt man allerdings der Selbstdarstellung des Unternehmens und dem Satz “engineering to help people rethink current physical limitations” – dann ergibt sich ein verschobenes Bild, das die Arbeitshypothese vom Beginn stützt.

Interessanterweise macht den Unterschied die Leistungsfähigkeit des Geräts. Wenn das obige Exoskelett ermöglichen würde, 2 km/h laufen oder 5 cm hoch zu springen, würden die meisten es als besseren Rollstuhlersatz empfinden. Würde es 50 km/h Laufgeschwindigkeit und 5 Meter Sprunghöhe ermöglichen, wäre das gleiche Gerät – die Brille für die Beine, eine technische Verbesserung der körperlichen Möglichkeiten. Und zwar unabhängig davon, wie gut diese aktuell auch sein mögen. An dieser Stelle soll das Naheliegende nicht verschwiegen werden: die Firma Ekso Bionics wird unterstützt vom Verteidigungsministerium der USA und arbeitet für und mit einem der grössten Rüstungshersteller. Bei der Verbesserung körperlicher Fähigkeiten ist nur ein kleiner Schritt vom Gesundheitswesen zum Militär, von der Rehabilitationsmaschine zur Kampfmaschine.

Aber die dahinterliegende Entwicklung ist das eigentlich Interessante: Technologie grundsätzlich als eine Art “Extensions of man” zu betrachten, als eine Verlängerung und Ausdehnung des Fähigkeitsspektrums. “The Atlantic” hat vor einiger Zeit die Frage gestellt, wie weit eine sich für normal haltende Person ihren Körper optimieren würde, mithilfe von Maschinen. Die Antwort darauf muss jeder für sich selbst geben. Aber vielleicht fällt sie anders aus, wenn ein Rennroboter zum Hineinschlüpfen so normal sein wird wie heute ein Fahrrad.

Sascha Lobo

Sascha Lobo ist Autor und Strategieberater; Details finden sich unter http://saschalobo.com/ich

21 Antworten

  1. Dazu hatte ich mir mal die Frage gestellt, ob Prothetik reguliert werden müsse? http://yuccatree.de/2010/11/muss-prothetik-reguliert-werden/

  2. Sascha Lobo

    Daniel, eine spannende Frage (ehrlich), die schon in zwanzig Jahren allerhöchste Brisanz erfahren wird (auch ehrlich).

  3. Moe

    Solch eine lange Ausführung über den simplen Fakt, dass sich Menschen im Technologiezeitalter doch Technik unterstützen lassen…

    Menschen sind nicht behindert, sie sind nur bequemer geworden.

    • Nun, das ist nicht erst seit dem Technologiezeitalter, ausser Du setzt das sehr früh an. Schon seit der Mensch von den Bäumen runter ist, “verbessert” er durch Gebrauch von Werkzeug seinen Körper. In diesem Sinne waren schon die ersten Wurfspeere und Keulen “Hand-/Armverlängerungen”.

  4. Barschel

    @Moe: Mit diesem Argument lässt sich auch die Erfindung des Autos als Bagatelle darstellen. Nur gut, dass nicht alle immer so gedacht haben. Vermutlich säßen wir jetzt noch in Höhlen.

  5. nik

    Zu diesem Thema gabs zuletzt auch ein Chaosradio. Etwas nerdiger (Thema hieß Moderne Maschinenmenschen), kam aber tw. zu ähnlichen Thesen.

  6. Das ist, finde ich – wenn ich im Bild bleiben darf – zu kurz gesprungen. Du sagst ja ganz richtig, das Behinderung relativ ist; und Du schreibst am Anfang, dass diese Arbeitshypothese eine Grenze zwischen den Menschen einreißt, nämlich die zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung. Ich glaube, Deine Arbeitshypothese verlagert das Problem nur, von der sozialen auf die sozioökonomische Ebene. Spitzentechnologie, auch die zur Verbesserung des Menschen, hat den Nachteil, dass sie für Massenprdouktion nicht taugt: je nach Entwicklungsstatus (bei dem ich mal die Reduzierung der Produktionskosten mit einrechne und behaupte: Erst wenn die gegen Null gehen, ist das Produkt zu Ende entwickelt) werden von oben nach unten Leute verschiedener Schichten davon profitieren. Sobald eine neue Technologie bis nach unten durchgesickert ist, gibt es oben schon wieder ein dutzend neue Ansätze und mehr oder weniger ausgereifte Lösungen. Wenn es dafür keine andere Lösung gibt, ist der emanzipatorische Ansatz im sack: dann erlaubt man es jenen, die es sich leisten können, sich weniger eingeschränkt zu fühlen als den anderen, die es sich nicht leisten können.

    Im Großen und Ganzen ist das ja auch die Entwicklung, die wir im Gesundheitswesen ohnehin gerade gehen und – global gesehen – auch immer gegangen sind. Der unfassbare technologische Fortschritt der letzten 150 Jahre hat nicht zu einer Verringerung der Behinderten geführt, sondern mündet heute in Theorien, dass alle irgendwie behindert sind – zumindest, und das ist entscheidend, zeitweise. Zum Beispiel, wenn man sich ein Bein bricht; dann wird man krankgeschrieben und ist im Wirtschaftsleben nicht mehr entscheidungsfähig ist. Man kann also sagen, dass zwar alle Menschen behindert sind, manche aber seltener, und dass (tendenziell) Menschen nur dann Entscheidungen von Reichweite treffen, wenn sie gerade nicht-behindert sind.

  7. Sascha Lobo

    Lieber Frederic, diese Betrachtung hat einen deutlich zynischen Unterton, beinahe hätte ich mich zu einem Roten-Khmer-Vergleich hinreissen lassen (zum Glück nur beinahe).

    Ich mache bewusst den Vergleich mit der Brille auf, bei der – in der westlichen Welt – als Sehhilfe betrachtet die Kosten keine Rolle mehr spielen. Und natürlich hat das eine wirtschaftliche Komponente, aber Deine Unterstellung, Spitzentechnologie tauge nicht für die Massenproduktion ist a) einfach falsch und b) ist auch der Kostenfaktur nicht im entferntesten ein Grund, nicht darüber nachzudenken, wie solche Technologie den Menschen helfen kann. Ich halte das sogar für gefährlich, was Du sagst, die Abkehr vom gesellschaftlichen Zusammenhalt, weil dahinter die gleiche Denkweise steht wie: “Du darfst nicht mobil sein, weil Dein Elektrorollstuhl zuviel kostet”. Gern auch in der Geschmacksrichtung: “Sorry, Deine Operation ist zu teuer für die Gesellschaft”.

    Die Ökonomisierung solcher Zusammenhänge halte ich für problematisch und sehr nah am fatalen Gedanken der Pseudogleichheit, wo der Zehnkämpfer zum Gelähmten sagt “Hey, ich akzeptiere dich als Gleichen unter Gleichen, dann benutzen wir halt beide keinen teuren Rollstuhl!”.

  8. Sascha Lobo

    Und natürlich ist über Kosten zu sprechen – das tust Du ja mit dem Begriff “sozioökonomische Ebene” – immer eine Frage der Prioritäten. Nach den gefühlten fünf Bankenkrisen samt Billionenrettung ist “dafür hat die Gesellschaft kein Geld” letztlich kein valides Argument mehr, wenn es als absolutes Argument betrachtet wird.

  9. Sascha, ich hab das nicht zynisch gemeint: Denkweisen à la “Du darfst nicht mobil sein, weil Dein Elektrorollstuhl zuviel kostet” und “Sorry, Deine Operation ist zu teuer für die Gesellschaft” sind doch Status quo. Okay, zweiteres nicht, zumindest nicht in Westeuropa. Aber ersteres: Du darfst nicht ordentlich gewaschen werden, weil das zuviel kostet, Du darfst nicht an die frische Luft gehen, weil Personal und Ausstattung zu viel kosten, Du bekommst die Hebebühne nicht, weil das zu viel kostet, das ist doch Alltag im Pflegewesen.

    Mein Punkt ist nicht, dass der Kostenfaktor die entscheidende Rolle spielen sollte; mein Punkt ist, dass die Hypothese der Bioethik, durch die Eliminierung der Behinderung werde es eine Emanzipation der Behinderten geben, nicht funktionieren wird

    • Solveig Wehking Solveig Wehking

      Ich glaube auch, dass dabei psychologische und soziologische Faktoren ausschlaggebend sind. Aber es lohnt sich, einmal nachzudenken “was wäre wenn” und welche Rolle Technik dabei spielen könnte. Allein schon die Vorstellung, dass auf einmal alle Leute irgendwelche technischen Artefakte tragen und dann die sofortige Sichtbarkeit von Behinderung wegfiele gefällt mir. Dass aber noch nicht einmal Leute mit einem künstlichen Darmausgang mit Beutel entspannt in die Kneipe gehen können, weil auf die technische Lösung kein Verlass ist, bremst dann meine Begeisterung.

  10. Solveig Wehking Solveig Wehking

    Ich finde die Frage auch spannender als die Konztration auf öknomische Aspekte, nämlich, wie weit wir gehen würden, um bestimmte Fähigkeiten unseres Körpers zu erweitern? Das Thema “der Mensch als Prothesengott” ist ja gar nicht so neu, taucht immer wieder auf – wollen wir nur das, was uns Fähigkeiten erhält oder zurückbringt, schrecken aber vor einer Erweiterung von Fähigkeiten zurück? Erweiterung wird ja meistens in Bezug auf einen Durchschnittswert – ich im Verhältnis zu vielen anderen diskutiert. Wenn ich mir vorstelle, wie die Welt aussehen würde, wenn mein Sehvermögen Standard wäre, dann wäre vieles anders ,-)

    Wenn wir also die Durschnittswerte einmal fallen lassen, bleibt die Frage, ob und wie wir unseren Körper optimieren würden. Gar nicht so leicht zu beantworten und ich merke, dass ich gedanklich bei den natürlichen Fähigkeiten und damit bei Durchschnittswerten bleibe. Das geht bestimmt nicht allen so – was würdet ihr optimieren?

  11. Schöner und in vielerlei Hinsicht anregender Text. Aber ist das wirklich so neu, Technologie als Extension of Man? Dass es nicht ganz egal ist, wer so alles Zugang zu Werkzeugen und Maschinen hat, die alle möglichen Dinge ermöglichen? Auch wenn es an- und wieder abschnallbare Technik ist.
    Mir ist, glaube ich, der Sinn der Arbeitshypothese nicht ganz klar, mit Blick worauf soll sie sich als hilfreich oder nicht so hilfreich erweisen?

    • Die Hypothese passt in einen anderen, sozialen Diskurs in der Behindertenhilfe. Dort wird ja nicht mehr von “Integration” von behinderten Menschen in die Gesellschaft gesprochen, sondern das Ziel der “Inklusion” verfolgt. Das heißt, man strebt an, dass Behinderung eine ganz normale Ausprägung der menschlichen Vielfalt ist. Das ist insofern auch eine verwandte “Arbeitshypothese”, die dann zwangsläufig dazu führt, dass alle nur durch die Gestaltung der Umwelt behindert WERDEN aber nicht per se behindert SIND.
      Und wenn es uns gelingt, unsere Gesellschaft materiell und ideell (Stichwort: Bildungssystem) im Sinne eines universal design zu gestalten, dann wäre es mehr als eine Hypothese und ein frommer Wunsch.
      Und abschließend: angesichts der demographischen Veränderungen mit vielen hochbetagten Menschen, wird ein immer größerer Teil der Deutschen körperlich oder geistig behindert sein, etwa durch Erkrankungen bzw. Degeneration des Bewegungsapparates oder Demenz.

  12. Magiceye

    *Grusel* Gestern den Film “Surrogates” gesehen und heute lese ich das hier, was so ziemlich in die gleiche Richtung geht.

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  15. Der Text verschweigt einen wesentlichen Aspekt des technischen Umganges mit Behinderungen: Jede technische Beseitigung einer Behinderung schafft neue Behinderungen – gerade wenn man den Begriff der Behinderung so weit fasst. Eine Straße, die die Behinderung im schnell von Ort zu Ort kommen beseitigt, behindert den, der eigentlich nur auf die andere Seite will. Die Bürgersteig-Stufe, die den Fußgänger vor den Autos und dem Regenfluss der versiegelten Straße schützt (und damit dessen Behinderung im Fortkommen beseitigt) behindert den Rollstuhlfahrer, der abgesenkte Bordstein behindert wieder den Blinden, der nicht mehr erkennt, wo die Straße beginnt (und das Regenwasser sammelt sich wieder da, wo Leute laufen wollten). Was gefunden wird, sind Kompromisse, technische Lösungen auf Zeit, die solange halten, bis auch sie sich wieder als eine Behinderung herausstellen.

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  17. Für mich als Rollstuhlfahrer ein Traum aber mit Sicherheit noch unbezahlbar. Aber den Ansatz finde ich schon nicht schlecht. Stelle mir vor im Supermarkt mit dem Teil;-) Als Rollifahrer wird man ja schon von jedem angeglotzt aber mit dem Gerät;-)………..