Der wundersame Tischtennisschläger

Manchmal ist es schwer ein Produkt noch weiter zu verbessern. Bei Dingen wie Zahnbürsten oder Nassrasierern haben wir eigentlich seit einigen Jahrzehnten verstanden, wie man Geräte baut, die ihren Zweck zufriedenstellend erfüllen. Die diversen “Verbesserungen” scheinen daher auch meist eher der PR- anstatt der Wissenschaftsabteilung zu entstammen. Aber irgendwas muss verbessert werden, denn man kann den Leuten ja nicht immer wieder das selbe verkaufen. Die innovativen Ergebnisse tragen dann immer klingende Namen. Da gibt es dann “Seidenfein-Borsten”, “flexible Gelköpfe”, “Klingenstabilisatoren” und jede Menge andere Begriffe die immer ein “®” oder “™” im Namen tragen und deswegen hier lieber nicht genannt werden.

Tischtennisschläger

Eigentlich nur Holz, Plastik und Kleber: ein Tischtennisschläger (Bild: Pinkafelder, CC-BY-SA 3.0)

Besonders beeindruckend ist das “3 in 1 Energy”-Material der “i-pure”-Technologie. Damit werden keine Zahnbürsten oder Rasierer aufgemotzt sondern Tischtennisschläger. Die sind ja auch so ein Produkt, bei dem es im Prinzip nicht wirklich etwas zu verbessern gibt. Die Hersteller des oben genannten Gerätes aber waren kreativ und haben sich für ihren innovativen Schläger freizügig beim Vokabular der Esoteriker bedient. Denn das Holz des Wunderschlägers enthält angeblich “Negative Ionen”. Die sollen entspannend wirken und die Konzentration steigern. Ionen sind elektrisch geladene Atome oder Moleküle, und man sieht sie in der freien Natur immer wieder mal. Zum Beispiel, wenn ein kleines Staubkorn aus dem All die Erdatmosphäre durchquert. Die dabei entstehenden hohen Temperaturen ionisieren die Luft, und bei der folgenden Rekombination (d.h. wenn die Atome sich wieder zu elektrisch neutralen Zuständen zusammenfinden) entsteht Licht, das wir vom Erdboden aus als Sternschnuppe wahrnehmen (und im Gegensatz zu einem Tischtennisschläger mag ihr Anblick tatsächlich entspannend wirken).

Neben den negativen Ionen hat der Schläger auch noch “Far-Infrared Ray” zu bieten. Denn ein Teil des “3 in 1 Energy”-Materials sollen Infrarot-Strahlen sein, die für ein “warmes Gefühl” sorgen. Infrarot-Strahlung ist tatsächlich nichts anderes als Wärme – aber wenn man sie erzeugen will, dann braucht man dafür auch eine Wärmequelle. Ohne die erzeugt auch der esoterischte Tischtennisschläger keine Infrarotstrahlen – man könnte ihn höchstens anzünden, dann würde er jede Menge wärmende Strahlung produzieren. Dritter Aspekt des Wunderschlägers ist das “Atom Ge”. Denn

“Die besonderen Eigenschaften des Atoms „Ge“ (Ordnungszahl 32 im Periodensystem) erhöhen die Umlaufgeschwindigkeit im Blut. Das Resultat: Mehr Energie und eine höhere Leistungsfähigkeit.”

Bei diesem ominösen “Atom Ge” handelt es sich um Germanium, bekannt seit 1886. Es ist ein Halbmetall und wurde früher für den Bau von Transistoren verwendet (heute nimmt man dafür Silicium). Germanium wurde auch schon als Nahrungsergänzungsmittel beworben um damit Bluthochdruck oder gar schwere Krankheiten wie Krebs oder AIDS zu behandeln. Nachgewiesen ist so eine Wirkung nicht und in Deutschland, Österreich und vielen anderen Ländern ist es nicht erlaubt, Germanium als Zusatz zu verwenden, da schwere Gesundheitsschäden und Todesfälle nicht auszuschließen sind. Bei der Verwendung in Tischtennisschlägern ist das hoffentlich anders.

“Negative Ion”, “Far-Infrared Ray” und “Atom Ge” klingen natürlich nach höchst eindrucksvollen wissenschaftlichen Innovationen. Aber auch nur dann, wenn man nicht allzu genau hinsieht und sich überlegt was diese Begriffe zu bedeuten haben. Dabei kann man Tischtennisschläger durchaus ein wenig aufmotzen: Es braucht in diesem Fall viel Arbeit, echte Wissenschaft – und das Endprodukt wird vorerst wohl nicht in den Läden landen. Dafür hat es aber den großen Vorteil, tatsächlich zu funktionieren. Michael Wegener und seine Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) bzw. dem Fraunhofer-Instituts für Elektronische Nanosysteme (ENAS) haben einen Tischtennisschläger mit einem piezoelektrischen Sensor ausgestattet. Piezoelektrizität entsteht durch die Verformung bestimmter Materialien. Man kann so ein Material zusammendrücken und dadurch eine elektrische Spannung erzeugen. Oder eine elektrische Spannung anlegen und das Material dadurch in Schwingung versetzen (wie z.B. in einer Quarzuhr). Ein Tischtennisschläger mit einem piezoelektrischen Sensor würde jedesmal eine Spannung erzeugen, wenn ein Ball auf ihn trifft. Diese Signale könnte man drahtlos an einen Computer übertragen und so während eines Spiels genau aufzeichnen, wo und wie stark der Ball den Schläger getroffen hat. Den Durchschnitts-Ping-Pong-Spieler wird soetwas wenig interessieren, aber Profis könnten diese Daten für ihre Trainingsprogramme nutzen. Bei der Arbeit von Wegener und seinen Kollegen ging es aber nicht vorrangig darum, intelligentere Tischtennisschläger zu entwickeln, sondern die Herausforderung zu meistern, einen sehr großen und sehr flachen piezoelektrischen Sensor zu erzeugen.

Strukturformel von Polyvinylidenfluorid

Strukturformel von Polyvinylidenfluorid

Das gelang durch die Verwendung ferroelektrischer Materialien. Das sind Stoffe mit einer bestimmten elektrischen Polarisation (d.h. einer bestimmten Ladungsverschiebung), die durch das Anlegen einer Spannung umgekehrt werden kann. Mit Eisen hat das nichts zu tun, die Vorsilbe “ferro” wurde gewählt, weil das Phänomen an den “Ferromagnetismus” erinnert – also an Materialien, die eine bestimmte magnetische Ausrichtung haben, die bei hohen Temperaturen verschwindet – so wie die elektrische Polarisation bei ferroelektrischen Stoffen. Wegener und seine Kollegen verwendeten “Polyvinylidenfluorid” (PVDF). Das ist ein Kunststoff, der schon seit 1961 verwendet wird. Ein paar Jahre später entdeckt man, dass PVDF ferroelektrische Eigenschaften hat, deshalb wird er oft in Mikrophonen oder Lautsprechern benutzt. Für das Tischtennisprojekt wurde eine Verbindung von PVDF mit Trifluoroethylen verwendet. Dieses Material mit der schönen, weder an Konsonanten noch an Klammern armen Bezeichnung “(P(VDF.TrFE))” konnte dann in flüssiger Form auf entsprechend vorbereitete flache Elektroden gegossen werden. Die so entstehende dünne Schicht (die Lage aus (P(VDF.TrFE)) ist nur 1,6 mm dick) kann unter die normale äußere Kunststoffschicht eines Tischtennisschlägers gelegt werden. Das (P(VDF.TrFE)) erzeugt dann beim Aufprall ein piezoelektrisches Signal, das über die Elektroden weitergeleitet werden und im Idealfall drahtlos zu einem Computer geschickt wird.

Wegener und seine Kollegen haben einen Prototypen hergestellt und demonstriert, dass man so große und dünne piezoelektrische Sensoren herstellen kann. Ob die nun die Tischtennisszene revolutionieren werden, bleibt abzuwarten. “3 in 1 Energy” klingt für die meisten Leute dann halt doch beeindruckender als “Polyvinylidenfluorid”…

Florian Freistetter

Florian Freistetter ist Astronom. Er promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena, arbeitet dort an der Dynamik der extrasolaren Planeten, ärgert sich mit den Details der DFG-Antragstellung herum und bloggt über Wissenschaft.

6 Antworten

  1. Sehr schöner und unterhaltsamer Artikel. Ich interessiere mich eigentlich nicht (mehr) für Tischtennis, aber konnte hier echt gut schmunzeln. :-)

  2. Pingback: Tischtennis: Sport und Freizeitspaß für die ganze Familie | AKW-Fitness

  3. Ich stelle selber Tischtennisschläger / Tischtennishölzer in Kleinserie her. Nach meinen Erfahrungen bringen die neuen Technologieen nur einen sehr geringen Gewinn. Der große Vorteil in neuen Fügeverfahren ist nicht das man ein besseres Produkt erhält – sondern das die Durchlaufzeiten geringer sind. In Katalogen bewirbt ein Hersteller das das TT-Holz für 20 min verpresst wird – ich lasse meine Tischtennishölzer für 12-24 Stunden in der Presse und lasse Sie dann noch für Tage in einem Stapel trocknen. Dazu verwende ich auch nur hochwertige Sägefurniere – das nennen dann andere Hersteller “Saw Tech” – bin mir ist das Standart. Es ist etwas so wie beim Kochen: Nur mit guten Zutaten erhält man ein gutes Gericht!

    Gruß Ulrich Möller

  4. Beim Tischtennis geht es doch auch viel um den “Kopf”, und wenn dieser Tischtennisschläger voller positiver Energie ist, dann kann dies durchaus zu realen Änderungen im Spielverhalten führen. Also durch den Plazebo-Effekt eben. Kein Sport, sofern dieser tatsächlich professionell ausgeführt wird, kommt heute noch ohne mentales Training und dergleichen aus, vieles findet im Kopf statt. Tischtennisschläger mit Esoterik sind jedoch neu, aber alles Neue wird ja ohnehin zunächst belächelt. Allerdings ist auch klar, dass die besonders ausführliche Beschreibung dieses Tischtennisschlägers auf der Herstellerseite eher der Verkaufsförderung angedacht ist, denn üblicherweise werden Tischtennisschläger mit der Hälfte an Text vorgestellt.

    • Naja, den Plazeboeffekt und die mentale Einstellung ignoriert ja niemand. Aber trotzdem werden hier physikalisch völlig absurde Behauptungen aufgestellt (Germanium erhöht die Umlaufgeschwindigkeit des Blutes, etc), die ganz offensichtlich nur dazu dienen sollen, den Schläger irgendwie ein “wissenschaftlich optimiertes” Image zu verleihen – obwohl es auch nur ein ganz normaler Schläger ist. Auch wenn es um Verkaufsförderung geht, sollte meiner Meinung nach nicht JEDE Behauptung erlaubt sein. Man sollte schon darauf achten, keinen Unsinn zu erzählen.

  5. So betrachtet hast du natürlich Recht Florian. Da ich mich recht häufig mit Werbetexten von Tischtennisschlägern befasse (ca. 450 Tischtennisschläger-Wettkampfhölzer stehen in unserer Tischtennis Datenbank), also dadurch bin ich – was derartige PR-Texte anbelangt – wohl auch schon sehr abgestumpft; und lese über so Einiges hinweg.
    Der Vorteil dieser Linse ist aber eigentlich genial. Die Linse an sich hat mit dem Tischtennisholz (mit den verarbeiteten Furnieren, also mit dem Schlägerblatt und dem Griff) nichts zu tun. Die Linse ist der Teil, der im Griff eingelassen ist. So müßten die positiven Eigenschaften auf jedes andere TT-Holz übertragbar sein, das so eine Linse aufgeklebt bekommt. Der Tischtennisschläger oben im Bild hat übrigens keine Linse, hier steckt dann sicher keine positive Energie drin.

    Um jetzt aber noch etwas “Fachliches” beizutragen. Oben im Bild ist ein Tischtennisholz zu sehen, kein Tischtennisschläger. Ein Tischtennisschläger ist “Holz + Belag” zusammengeklebt. Nur das Holz ist einfach ein Tischtennisholz. So zumindest unter Tischtennisspielern.

    Ich bin der Meinung, Behauptungen dürfen auch in diese Richtung gehen, solange keine gesundheitlichen Aspekte einbezogen werden. Da würde ich eher so einige Joghurts vom Markt nehmen, aber nicht diesen Tischtennisschläger. Bzw. die betreffenden Werbebotschaften derjenigen Produkte. Dies führt jedoch zu einem Meinungsaustausch und nicht zu einer inhaltlich wissenschaftlichen Debatte, weshalb ich an dieser Stelle nur noch sagen kann. Wissenschaftlich betrachtet sind die Aussagen des Artikels sicher in Ordnung.