Der Wald der twitternden Bäume

Es ist Sommer, wir wandern durch einen lauschigen Wald, durch kühle Schatten und vorbei an Bäumen, die im sanften Wind mit den Blättern rascheln. Und twittern. Ja, die Zukunft macht auch vor der Botanik nicht halt. Zumindest einem Baum haben Wissenschaftler vom Institut für Geografie der Universität Erlangen-Nürnberg in einem gemeinsamen Projekt mit der Zeitschrift “Spektrum der Wissenschaft” beigebracht, sich im Web 2.0 zu bewegen. Der “Talking Tree” im Botanischen Garten von Erlangen hat einen Twitter-Account, eine Facebook-Seite, eine Homepage, einen Kanal bei YouTube und ein eigenes Blog.

Es handelt sich aber nicht nur um eine reine PR-Aktion. Der Baum leistet auch ganz konkrete wissenschaftliche Arbeit und zeichnet jede Menge interessante Daten auf. Denn die 150 Jahre alte Eiche ist den verschiedensten Umwelteinflüssen ausgesetzt und eignet sich wunderbar als biologische Wetterstation. Neben klassischen Messwerten wie der Temperatur, der Windgeschwindigkeit und dem Niederschlag messen Sensoren am Baum auch die Sonnenscheindauer und den Bewölkungsgrad. Ein Saftflusssensor registriert, wie viel Wasser der Baum aufnimmt und von den Wurzeln zu den Blättern transportiert und ein Dendrometer zeichnet auf, wie stark der Baum im Lauf der Zeit wächst. Zusätzlich zu diesen Daten die von der Eiche selbst aufgezeichnet werden, sendet eine Station des Bayerischen Landesamts für Umwelt auch noch ständig Messwerte über Feinstaub- und Ozonbelastung. Zusammen mit Fotos, die mehrmals täglich vom Baum gemacht werden und Videos, die bei besonderen Anlässen (Gewitter, Sonnenuntergang, etc) spontan gedreht werden können, liefert der “Talking Tree” so einen wunderbar detaillierten Überblick über das Leben als Baum.

Und das eben nicht nur in Form von nüchternen wissenschaftlichen Messwerten sondern auch öffentlich und live via Twitter. Eine spezielle Software wandelt die jeweiligen Messungen in Textbotschaften, damit sich der Baum dann in Echtzeit über das kalte Wetter beschweren kann.

Talking Tree

Der Baum twittert...

Während man sich im Web über die launigen Kommentare der Eiche freut und nebenbei eine Menge über Botanik und Ökologie lernt, benutzen die Geografen der Uni in Erlangen die Messwerte für ihre Projekte über das Klima und die Vegetation in Städten. So sind alle zufrieden. Und vielleicht nehmen sich ja andere Bäume Wissenschaftler die twitternde Eiche aus Erlangen zum Vorbild. Eine Buche aus Brüssel begann schon vor einiger Zeit zu twittern und es wäre spannend zu sehen, was passiert, wenn immer mehr Bäume weltweit auf Sendung gehen. Ein virtueller Wald an twitternden und bloggenden Bäumen würde mir gefallen. In der Astronomie ist es ja schon längst üblich, dass jede Weltraummission bei NASA oder ESA einen eigenen Twitter-Account und/oder ihr eigenes Blog bekommt. Die Marssonde Phoenix beispielsweise knapp 40.000 Fans und sogar einen Award bekommen. Eine Kombination aus spannender Forschung und sozialen Medien wie Twitter oder Facebook scheint ideal, um die Menschen für Wissenschaft zu begeistern. Also lasst die Bäume twittern!

Florian Freistetter

Florian Freistetter ist Astronom. Er promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena, arbeitet dort an der Dynamik der extrasolaren Planeten, ärgert sich mit den Details der DFG-Antragstellung herum und bloggt über Wissenschaft.

4 Antworten

  1. Pingback: Erste Pressereaktionen zu Talking-Tree.de | KreativeKommunikationsKonzepte

  2. Damit ich keine Beitraege mehr verpasse habe ich mir heute Morgen mal einen RSS Reader eingespielt. Wie finde ich hier den den RSS Feed ?

  3. Pingback: Folge 006 – twitter | homo reticuli

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