Börsenstrompreise im Sinkflug

Foto: Martin Käßler

Wie hängen die Börsenpreise für Strom mit dem EEG zusammen? Die Energiewende ist in vollem Gang. Wir merken das vor allem daran, dass die Umlage für das Erneuerbare Energie Gesetz (EEG) steigt und steigt, während die Kosten für Strom an der Börse stetig sinken. Wie passt das zusammen?

Inzwischen liegt die installierte Leistung von Photovoltaik und Windkraftwerken zusammen bei über 60.000 Megawatt. Das entspricht einer Leistung von 60 konventionellen Großkraftwerken. Allerdings steht diese gewaltige Leistung – im Gegensatz zur konventionellen Stromerzeugung aus Kohle, Gas und Uran – nicht rund um die Uhr zu Verfügung, sondern schwankt je nach Wetterlage. Am Sonntag, den 16. Juni 2013, erreichte die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien eine neue Höchstmarke. Für wenige Stunden lieferten Sonne, Wind, Wasser und Biomasse 60 Prozent der gesamten Stromproduktion in Deutschland: Über 30.000 Megawatt wurden zwischen 13 und 14 Uhr an einem verbrauchsarmen Sonntag in des Netz eingespeist, während konventionelle Kraftwerke weniger als 20.000 Megawatt bereitstellten (Abbildung 1).

Dieser Rekord ist nur eine Momentaufnahme von wenigen Stunden, denn es gibt nach wie vor Tage, an denen Erneuerbare Energien wetterbedingt nur einen geringen Beitrag leisten können und unser Energiebedarf durch konventionelle Kraftwerke gedeckt werden muss.

Abbildung 1: Zusammensetzung der Stromerzeugung am 16. Juni 2013 in Deutschland.
* Wert für Biomasse geschätzt als Band 3000 MW. Installierte Leistung Dezember 2012 nach BBE: 3179 MW. Grafik: Fraunhofer IOSB-AST

Doch die Größenordnung, die Erneuerbare Energien inzwischen erreicht haben, wirkt sich auf die gesamte Stromversorgung aus – auch auf die Preise an der Strombörse.

Seit 2010 müssen die nach dem EEG erzeugten Strommengen aus Sonne, Wind und Biomasse an der Strombörse, dem so genannten „Spotmarkt“, vermarktet werden. An der Strombörse wird auch der Strom aus konventionellen Kraftwerke (Kohle, Gas, Uran) vermarktet. Dieser Strommix aus konventionellen Kraftwerken ist unterschiedlich teuer: Grundlastkraftwerke wie Braunkohle und Kernenergie produzieren für weniger als 5 Cent pro kWh Strom. Etwas teurer ist die Stromproduktion aus Steinkohle und am Ende stehen die teuren Spitzenlastkraftwerke wie Gasturbinen oder Gas-und-Dampf-Kraftwerke. Hier liegen die Stromgestehungskosten bei mehr als 6 Cent pro kWh. Je nachdem wie stark nun die Nachfrage nach Strom ist, kommen diese Kraftwerke in genau dieser Reihenfolge, also in Abhängigkeit ihrer Stromgestehungskosten zum Einsatz.

Kurz gesagt: Bei hoher Stromnachfrage setzt das teuerste Kraftwerk den Preis für alle Kraftwerke fest. Dieses Prinzip wird auch als Merit-Order bezeichnet. Durch die Vermarktung von Erneuerbaren Energien an der Strombörse werden jetzt vor allem die in ihren Stromgestehungskosten teuren Gaskraftwerke aus diesem „Merit Order“ gedrängt und gleichzeitig sinkt der Börsenpreis. Warum ist das so?

Die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien wird i.d.R. über festgelegte Preise pro kWh über einen Zeitraum von 20 Jahren nach dem EEG vergütet. Bei neuen Windkraftanlagen beträgt dieser Preis momentan zum Beispiel bei 8,93 Cent pro kWh. Bei neuen Photovoltaikanlagen beträgt die Einspeisevergütung derzeit rund 15 Cent bei kleinen Dachanlagen und 10,4 Cent bei großen Freiflächenanlagen. Die Finanzierung der EEG-Umlage erfolgt aus zwei Quellen: Über die Erlöse der EEG-Vermarktung an der Strombörse und über die Einnahmen der im Vorjahreszeitraum definierten EEG-Umlage. Hierzu wird der von den EEG-Anlagen erzeugte Strom täglich an der Strombörse „verkauft“, wobei die EEG-Anlagen einerseits ihre Erlöse nicht vollständig über die Vermarktung generieren müssen und andererseits Einspeisevorrang haben. Dadurch sortieren sich die EEG-Anlagen in der Reihenfolge der Merit-Order weit vorn ein und verdrängen die teuersten Kraftwerke aus dem Markt.

Durch dieses Prinzip sinkt aber auch der Börsenstrompreis als Ganzes, weil die teuersten Kraftwerke den Preis für alle Kraftwerke festlegen. Bei einer sehr hohen Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energie – wie am besagten 16. Juni 2013 – sinken die kurzfristigen Börsenpreise sogar in den negativen Bereich. Ein Grund liegt darin, dass es sich für die nur langsam regelbaren Grundlastkraftwerke nicht lohnt, ihren Betrieb für wenige Stunden einzustellen. So betrug der Börsenpreis am 16. Juni 2013 im Tagesdurchschnitt -3,33 Cent pro kWh (Abbildung 2). Diese so genannten „Spotpreise“ sind gleichzeitig aber auch ein Preisindikator für die mittel- bis langfristige Strombeschaffung am Terminmarkt. Auch hier sind die Preise massiv gefallen – von etwa 8 Cent pro kWh 2007/2008 auf weniger als 4 Cent pro kWh im Mai 2013.

Abbildung 2: Spotmarkt am 16. Juni 2013

Ergebnis dieser Entwicklung ist unter anderem, dass die Stromerzeugung aus teuren Gaskraftwerken deutlich gesunken ist – allein 2012 um über 17 Prozent. Mitunter produzieren neu ans Netz angeschlossene Gaskraftwerke aufgrund des niedrigen Börsenstrompreises nur selten oder überhaupt keinen Strom. Stattdessen kommen preiswertere Braun- und Steinkohlekraftwerke zum Einsatz, sie transportieren einen Teil ihrer Stromerzeugung auch in die Nachbarländer , wie z. B. die Niederlande. Auch hier werden die Gaskraftwerke verdrängt. Allein 2012 wurden 17,5 Terawattstunden Strom in die Niederlande exportiert: Das entspricht dem Jahresstrombedarf von Litauen und Estland zusammen.

Gleichzeitig sorgen niedrigere Börsenpreise auch für eine steigende EEG-Umlage. Das liegt daran, dass die Umlage, die derzeit bei 5,28 Cent pro kWh liegt, die Differenz zwischen den i.d.R. auf 20 Jahre festgelegten Einspeisevergütungen pro kWh und den Verkaufserlösen der Erneuerbaren Energieerzeuger an der Strombörse darstellt. Zudem ist der Stromeinkauf an der Börse für die Energiehändler deutlich preiswerter als noch vor wenigen Jahren. Bei weiter anhaltendem Zubau von Erneuerbaren Energien ist mit einer weiteren Reduzierung der Börsenpreise zu rechnen, was wiederum die Wirtschaftlichkeit des konventionellen Kraftwerksparks beeinflusst.

Martin Käßler

Martin Käßler
Martin Käßler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er leitet das FuE-Marketing am Fraunhofer-Anwendungszentrum Systemtechnik AST. In seiner Diplomarbeit analysierte er die Gebrauchstauglichkeit einer Energiemanagement-Software beim Endkunden. Er ist Mitglied im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik VDE.

Peter Bretschneider

Peter Bretschneider
Dr. Peter Bretschneider ist stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Anwendungszentrum Systemtechnik AST und Leiter der Abteilung Energie. Die Abteilung beschäftigt sich mit systemischen Fragestellungen der Energiewende mit Fokus auf elektrischen Netzen und der Netzintegration von Erneuerbaren Energien, Energiespeichern und E-Mobilität. www.iosb-ast.fraunhofer.de

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