Christoph Klein

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Prof. Dr. Christoph Klein vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ist Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Medizin Universität Regensburg. Er erhielt 2011 den Dr.-Josef-Steiner-Preis, der auch als "Nobelpreis der Krebsforschung" bezeichnet wird.

Neue Erkenntnisse aus der Analyse der frühen systemischen Krebserkrankung

 

Steve Jobs' Fehler

Wenn sich Tochtergeschwülste eines Primärherdes, so genannte Metastasen, abgesiedelt haben, ist eine Krebserkrankung in der Regel lebensbedrohlich und schwer behandelbar. Die Konzentration in der Forschung liegt dementsprechend darin, Risikopatienten zu identifizieren und das Auswachsen von Metastasen durch gezielte Therapien zu verhindern.

Schwerpunkt ist dabei der direkte Nachweis einzelner gestreuter Tumorzellen zu einem Zeitpunkt, an dem noch keine Metastasen mit den in der Klinik üblichen Verfahren (zum Beispiel CT oder Ultraschall) nachweisbar sind.

Schon Mitte der 1990er Jahre wurde deutlich, dass entweder nicht alle Zellen, welche über spezifische Marker im Knochenmark entdeckt werden, Tumorzellen sind, oder aber nicht alle Tumorzellen zu Metastasen auswachsen.

Dies ergab sich, weil zahlreiche Patienten, bei denen Marker-positive Zellen gefunden wurden (Knochenmarkbefund), keine Metastasen entwickelten. Entsprechend konzentrierte sich die Forschung auf die Charakterisierung der im Knochenmark oder in den Lymphknoten entdeckten Zellen.

In den vergangenen 20 Jahren sind aus verschiedenen Gründen die Fortschritte bei der Analyse von Tumorzellen gering gewesen. Einen Durchbruch ergab die Fokussierung auf die Analyse der Nukleinsäuren DNA und RNA. Unserer Arbeitsgruppe gelang die Entwicklung zweier Techniken, mit denen sich erstens die gesamte genomische DNA einer Zelle vermehren lässt wie auch die gesamte mRNA einer Zelle.

Die mRNA ist die Information, die von einem Gen abgelesen und in ein Protein übersetzt wird. Mit der Möglichkeit, das Genom der gestreuten Tumorzellen zu untersuchen, ließen sich erstmals zentrale Aussagen des vorherrschenden Tumorprogressionsmodells, das von einer linearen Zunahme von Tumorzellen ausgeht, überprüfen.

So lässt sich zum Beispiel untersuchen, wann die Streuung von Tumorzellen im Verlauf der Tumorentwicklung beginnt. Das völlig unerwartete Ergebnis war, dass die Streuung extrem früh einsetzt. Eine weitere Überraschung war, dass die Tumorzellaussaat nicht mit der Größe des Tumors zunahm.

Wir konnten auch die Annahme der genetischen Ähnlichkeit von Primärtumor und gestreuten Tumorzellen überprüfen. Für alle bislang untersuchten Tumortypen ergibt sich das gleiche Bild: Sowohl im Knochenmark als auch in Lymphknoten weisen die gestreuten Tumorzellen deutliche Unterschiede zu dem vorherrschenden Klon des Primärtumors und zwar bezüglich der meisten genetischen Defekte.

Meist fanden wir bei den gestreuten Tumorzellen deutlich weniger genetische Defekte als in Primärtumorzellen, ein Befund, der dem bislang gültigen linearen Akkumulationsmodell klar widerspricht.

Diese Befunde stellen damit das bisherige Denken über den Ablauf einer Krebserkrankung auf den Kopf und werfen viele Fragen auf.

Prof. Dr. Christoph Klein vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ist zugleich Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Medizin Universität Regensburg. 2011 wurde er für die beschriebene Krebsforschung mit dem Dr.-Josef-Steiner-Preis ausgezeichnet.

Steve Jobs ist an Krebs gestorben. Und an Ignoranz.
Den Applegründer quälte schon länger ein Nierenleiden, als er im Oktober 2003 zufällig seine Urologin traf. Sie forderte ihn auf, eine Tomographie machen zu lassen, die letzte sei schon fünf Jahre her. Jobs – schon lange eine Skepsis gegenüber der Schulmedizin mit sich herumtragend – fügte sich. Das Ergebnis brachte keine Probleme mit den Nieren ans Licht. Aber einen Schatten auf der Pankreas. Die Urologin forderte ihn auf, einen weiteren Termin zu vereinbaren. Er ignorierte die Aufforderung, denn, wie Biograph Walter Isaacson feststellte: “Er war gut darin, stur Informationen zu ignorieren, die ihm nicht in den geplanten Ablauf passten”.

Die Urologin hatte offenbar sowohl die Ahnung, was der Schatten bedeuten könnte wie auch ihre Erfahrungen mit Jobs und bestand ein paar Tage später auf einer Pankreasuntersuchung. So kam Steve Jobs im Oktober 2003 zur Diagnose Pankreaskrebs. Noch am gleichen Abend nahmen die Ärzte eine Biopsie vor. Deren Ergebnis wiederum veranlasste die Mediziner zu großem Optimismus. Es kommen nämlich hauptsächlich zwei Arten des Bauchspeichdrüsenkrebses vor: das Adenokarzinom und den Inselzellen-Tumor. Das erstere wird in ungefähr 19 von 20 Fälllen diagnostiziert, wächst schnell und ist schwieriger behandelbar. Deshalb gilt es als Todesurteil. Der Inselzellen-Tumor dagegen wächst langsamer und ist einfacher zu operieren, wenn man ihn früh genug entdeckt. “Früh genug”, diese Formulierung lässt sich bei Tumoren meistens an einem speziellen Zeitpunkt festmachen: dem Moment, ab dem Krebs “zu streuen” beginnt, also ab wann Tumorzellen durch den Körper wandern.

Neueste Forschungen zeigen hier für die Fachwelt überraschende Ergebnisse. Zum einen fangen Tumoren noch viel früher an zu streuen, als man bisher annahm. Und die Streuung hat wenig mit der Größe des Tumors zu tun. Auch bilden nicht alle gestreuten Zellen Metastasen aus. Die Forschung, warum und wie genau diese Zellen Ableger des Tumors bilden, ist also elementar – zum Beispiel, weil ein Medikament, was gezielt die Ansiedlung von umhergestreuten Zellen verhindern würde, viel Zeit für die Behandlung gewinnen würde. Zeit ist auch für Steve Jobs der entscheidende, letztlich todbringende Punkt gewesen. Denn statt das Glück im Unglück, einen operierbaren Tumor ausgebildet zu haben, medizinisch sinnvoll zu nutzen – entschied er sich gegen eine Operation. Seine Familie, aber auch Freunde wie Intel-Chef Andy Grove, der selbst eine Krebserkrankung überlebt hatte, redeten auf ihn ein. Sogar ein bekannter Naturheilkundler riet ihm dringend zur Operation. Aber Jobs bestand darauf, dem Krebs zu begegnen mit Fruchtsäften, Kräutern und mit placeboeffektstimulierenden Nadelattacken, also Akupunktur. Kurzzeitig soll er laut Isaacson sogar unter dem Einfluss eines Scharlatans gestanden haben, der ihm Darmspülungen sowie das Herausschreien negativer Gefühle empfahl.

Neun Monate später erst, unter dem Flehen seiner Familie, lenkte er ein und unterzog sich einer Operation. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist es wahrscheinlich, dass genau diese neun Monate den Unterschied zwischen Leben und Tod ausgemacht haben. Denn Steve Jobs scheint letztlich daran gestorben zu sein, dass der Krebs nicht mehr vollständig entfernt werden konnte. Seine Leberstransplantation etwa deutet darauf hin, denn die Leber ist oft der Angriffspunkt für gestreute Krebszellen. Eine seltsame Ironie des Lebens oder vielmehr Ironie des Todes, dass die Person, deren Einfluss auf die Technologie des 21. Jahrhunderts größer war als von sonst jemandem, ausgerechnet an der Verweigerung von High-Tech-Medizin gestorben sein mag. Aber vielleicht war sein Tod nicht umsonst, denn nach seiner Abkehr von der gefährlichen Quatschmedizin brachte er mit seinen unbegrenzten finanziellen Mitteln die Krebsforschung voran, zum Beispiel liess er sein Tumorgenom komplett identifizieren. Lernen kann man daraus – gerade in Kombination mit den neuen Forschungsergebnissen – dass buchstäblich jeder Tag zählt, im doppelten Wortsinn: bei der Behandlung von Krebs. Und beim Leben selbst natürlich auch.