Alles hat seinen Preis – Brustimplantate & Co

Foto: Amboo who? (flickr.com), CC BY-SA 2.0

Dass Perlen schön sind fanden schon die Römer. Gaius Iulius, posthum als Caligula bekannt, schwelgte in Luxus, trug aus Perlen gefertigte Sandalen und schmückte sein Lieblingspferd mit einem Perlencollier, nachdem er es zum Senator ernannt hatte. Aus der Sicht von Wissenschaftlern ist eine Perle aber nicht nur schön, sondern eine interessante Verteidigungsstrategie eines lebendigen Organismus: Muscheln reagieren auf Sandkörner, indem sie diesen runden Festkörper aus Perlmutt bilden, um sich zu schützen.

Ähnlich kann der Mensch auf Produkte reagieren, die aus Sand hergestellt werden. Implantate aus Silikon: (Si(CH3)2-O)n- genauer Polydimethylsiloxan. Implantate sind nicht nur dazu da, dem gesellschaftlichen Schönheitsideal näher zu kommen als von der Natur ursprünglich geplant. Nach Krankheiten oder Unfällen helfen sie, um z. B. Wade, Po oder Busen zu rekonstruieren.

Direkte Erhebungen für das Jahr 2009 zeigen, dass die USA mit 15 % aller weltweit durchgeführten “plastischen Interventionen” an der Spitze liegen, gefolgt von Brasilien mit 12 %. In Deutschland lassen sich circa 3% der gesamten chirurgischen Eingriffe plastischen Aspekten zuordnen.

Christian Schmidt (l.) und Joachim Storsberg und verschiedene Implantat-Typen.

Wie die Muschel kapselt der menschliche Organismus Fremdkörper ein
Leider reagiert der Körper auf die körperfremden Silikonkissen häufig mit einer Kapselfibrose. Dabei wird das Implantat vom eigenen Körper als „Fremdling“ enttarnt. So wie die Muschel, versucht der Körper das Implantat durch Einkaspeln zu „eliminieren.“ Ob sich eine Fibrose entwickelt, hängt von der Oberfläche der Implantate ab und neuartige Strukturen (neue Oberflächenstrukturen) sollen diese unerwünschte Nebenreaktion vermindern bzw. vermeiden. In den 80er Jahren kam es bei 30 % der Eingriffe zu Kapselfibrosen und heute hat sich die Frequenz solcher Reaktionen auf ca. fünf Prozent der Eingriffe verringert

Zur Qualität von Silikon-Implantaten
Komplikationen, die sich vermeiden lassen, ergeben sich aus der mangelnden Qualität von Silikon-Implantaten. Sie hat nichts, wirklich absolut gar nichts damit zu tun, ob es sich um Industriesilikon handelt oder nicht. Entscheidend ist das Herstellungsverfahren als Ganzes und die damit verbundene Sicherstellung von Qualität. Dazu gehören fachlich-kompetente und verantwortungsbewusste Mitarbeiter, eine ausgeklügelte Analytik und Verantwortungsbewusstsein aller; von der Unternehmensleitung bis zum Versand. Diese Qualitätssicherung bei der Herstellung von Implantaten ist sehr komplex und kostet Geld. Ziel sind Silikon-Implantate, die eine Hülle mit passender Oberflächenstruktur haben, deren Nähte nicht kaputt gehen und aus denen kein Silikon in das körpereigene Gewebe diffundiert.

Foto: Jesper Hilbig

Wie entstehen Silikon-Implantate?
Im ersten Schritt werden aus Sand Chlorsilane hergestellt. Mit Wasser reagieren diese unter Bildung von cyclischen Siloxanen; diese werden dann ringöffnend polymerisiert. Durch unterschiedliche Ausgangskompenenten erzielt man unterschiedliche Polymer- und Vernetzungseigenschaften, um einzelne Monomere zu erhalten.

Die vielen Monomere werden zu langen, kettenartigen Gebilden, den Polymer-Silikon-Ketten. Sie sind so fest miteinander verknüpft und so groß, dass sie nicht in Gewebe diffundieren können. Ganz anders verhalten sich Monomere. Sie sind klein und beweglich und können in Gewebe eindringen, was für die Gesundheit extrem schlecht ist. Deshalb müssen Implantate frei von Monomeren sein.

In den USA sind z. B. lediglich zwei mit Silikongel gefüllte Implantate zur Rekonstruktion und Vergrößerungen von Brüsten für Frauen ab dem 22. Lebensjahr zugelassen. In Deutschland gibt es einen einzigen Hersteller von Brustimplantaten.

Dass wir heute sehr viel mehr Möglichkeiten als Perlen oder Flesh Tunnel haben, um uns schön oder einzigartig zu fühlen, wirft die Frage nach den Grenzen der Körperveränderung auf. Das Spektrum ist auf jeden Fall sehr groß: Eine gespaltene Zunge, künstliche Löcher oder der natürliche Körper, der am Strand braun wird. Die Entscheidung liegt bei jedem selbst. So wie das Pferd von Caligula zum Senator wurde, können aus Silikon auch Träume wahr werden.

Joachim Storsberg

Joachim Storsberg
Joachim Storsberg studierte an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz, an der University of Toronto in Kanada und promovierte mit summa cum laude bei Helmut Ritter. Nach mehreren Post-doc Aufenthalten im In- und Ausland forscht und entwickelt er in interdisziplinären Teams zusammen mit Medizinern, Biologen, Physikern und vielen vielen anderen an Implantaten mit dem Ziel, die Lebensqualität von Menschen zu verbessern. Im Jahre 2010 wurde er für die erfolgreiche Forschung und Entwicklung einer biomimetischen Keratoprothese mit dem Joseph-von-Fraunhofer Preis im Bereich Medizin ausgezeichnet. Er arbeitet am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) im Wissenschaftspark Golm in Potsdam.

Christian Schmidt

Christian Schmidt
Christian Schmidt promovierte in Biochemie an der Universität Rostock über Mechanotransduktion von Osteoblasten und forschte danach über 10 Jahre in den USA an der University of Texas im Bereich der Tumorbiologie und Immunologie. Seit November 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe von Joachim Storsberg am Fraunhofer IAP in Potsdam.

3 Antworten

  1. Liebe Kollegen Storsberg und Schmidt,

    einen wirklich tollen Beitrag haben Sie hier verfasst. Ich finde es herausragend, wie Sie von Perlen auf das Thema der Brustimplantate kommen. Den Abschnitt der Kapselfibrose kann man allerdings zunächst falsch verstehen. Empfinden Sie fünf Prozent als häufig?

    Wichtig hierbei ist, je nach Operationsmethode unterscheidet sich das Fibrose-Risiko.
    Die Milchdrüsengänge oder Axilla sind dichter mit Bakterien besiedelt als andere Körperregionen. Die Brustfaltenregion beispielsweise.

    Wie bei allen anderen Herstellern (Bsp.: Autos oder Möbel) gibt es Unterschiede in der Qualität der Produkte (Implantate). Folgende Hersteller sind mir bekannt:
    Allergan
    Eurosilicone
    GfE Medizintechnik GmbH
    Mentor
    Nagor
    pfm medical titanium GmbH
    Polytech Health & Aesthetics
    Silimed
    Poly Implant Prothese (PIP)

    Wie es um Qualität der einzelnen Hersteller bestellt ist, muss allerdings der Kunde selbst herausfinden. Ärzte können nur Empfehlungen aussprechen und diese sind zumeist subjektiv. Wichtig dabei ist, dass der Patient den Arzt nach dem Hersteller fragt und dieser seine Bezugsquellen nicht verschweigt!

    Beste Grüße

    Dr. Thomas Nitzsche

    • Christian Schmidt

      Lieber Herr Kollege Nitzsche,

      auch ich bedanke mich für den Kommentar zu diesem Beitrag.

      Grundsätzlich ist natürlich nichts ohne Risiko und natürlich ist das Ziel aller Bestrebungen der Ärzte eine Minimierung von Risiken. In diesem Zusammenhang wollten wir in dem Abschnitt über Kapselfibrosen den Fortschritt in der Medizin verdeutlichen.

      Sie haben natürlich Recht, daß OP-Techniken und die aktuellen Orte der Intervention in einer Risikobetrachtung zu berücksichtigen sind. Aufgrund der Kürze des Beitrages konnten wir natürlich nicht alle Aspekte dieser Frage diskutieren und haben daher versucht via Links auf weitere Informationsquellen zu verweisen.

      Bezüglich der Qualität von Produkten und den Ausführungen zur Verantwortung der Beteiligten kann auch ich hier uneingeschränkt zustimmen und den Gedanken aufgreifen: Würde ein grösseres Maß an frei zugänglichen Informationsquellen als hilfreich angesehen werden?

      Beste Grüße

      Christian Schmidt

  2. Joachim Storsberg

    Lieber Kollege Nitzsche,
    erst einmal vielen Dank für Ihr Feedback zu unseren Blog-Beitrag.
    Wir stimmen Ihren Ausführungen voll und ganz zu (durch die Kürze, die ein Blog Beitrag hat können wir nicht ausführlicher beschreiben… ob 5% viel oder wenig ist hängt natürlich auch von der medizinischen Indikation bzw. Notwendigkeit ab…). Ob es allerdings für den Kunden gegenwärtig einfacher ist (auch in Hinblick auf die fachliche Kompentenz) detailierte Informationen zu bekommen um die Qualität selbst beurteilen könnte, ist schwer zu beantworten. Hier denke ich und stimme ich Ihnen voll zu , dass der Arzt seine Bezugsquellen dem Patienten benennt.

    Beste Grüsse
    Joachim Storsberg