An das Recycling haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Papier kommt in die blaue Tonne, Verpackung in die gelbe, Glasflaschen kommen in den Container und Restmüll haben wir am besten gar keinen mehr. Für manche Forscher ist das aber noch viel zu ungenau sortiert. Sie entwickeln Ideen, wie man auch aus ganz speziellen Abfallsorten noch sinnvolle Produkte recyceln kann. Zum Beispiel aus den Schalen von Krustentieren. Nordseekrabben und Krebse schmecken gut – es bleiben aber jede Menge Schalen übrig!
Krabben, Garnelen und Krebse gehören mittlerweile auch in den Ländern zum normalen Speiseplan, die keinen Zugang zum Meer haben. Krustentiere werden überall in Europa gegessen und jedes Jahr fallen dabei 600.000 Tonnen an nicht-essbaren Schalen an. Die kommen normalerweise in den Biomüll und müssen auf Deponien gelagert werden. Das ist nicht ganz so unproblematisch wie es klingen mag. Auch Biomüll kann man nicht einfach in die Landschaft schmeißen, zumindest nicht in großem Stil. Denn bei der Zersetzung des Mülls bilden sich Fäulnisgase, die auch für Menschen gefährlich werden können. Es lohnt sich also, auch beim Biomüll über Recycling nachzudenken. Anstatt das Zeug einfach verrotten zu lassen, kann man probieren, aus den Inhaltsstoffen noch ein paar sinnvolle Dinge herzustellen. Was die Krustentierschalen angeht, hat man das in Asien schon erfolgreich umgesetzt. Dort stellt man daraus den einfach aufgebauten Kunststoff Chitosan her. Denn die Schalen enthalten Chitin, nach der Zellulose das zweithäufigste natürlich auftretende Biopolymer. Das Chitosan wird in der Medizin (z.B. als Wundauflage oder künstliche Haut), Landwirtschaft (z.B. als Holzschutz), Papierindustrie (z.B. bei Fotopapieren) oder Elektrotechnik verwendet (z.B. als Membran für Lautsprecher). Manchmal findet man Chitosan auch als Nahrungsergänzungsmittel, das die Aufnahme von Fett im Körper blockieren soll. Es gibt allerdings keine medizinischen Hinweise darauf, dass Chitosan in dieser Hinsicht tatsächlich funktioniert.
So wie für die Zellulose gibt es auch für das Chitin eine große Palette an möglichen Anwendungen. Die europäischen Krustentiere enthalten allerdings in ihren Schalen mehr Kalk als die asiatischen. Das macht die Umwandlung der Schalen in Chitosan wirtschaftlich nicht mehr rentabel. Das von der Europäischen Union geförderte Projekt ChiBio macht sich nun auf die Suche nach neuen Möglichkeiten, um die Rohstoffe aus den Krustentieren sinnvoll zu verwerten. Unter der Leitung der Straubinger Projektgruppe BioCat des Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik forschen verschiedene Institute aus ganz Europa sowie Indonesien und Tunesien an chemischen Prozessen, die das Chitin in seine Bestandteile zersetzen können. Man sucht Enzyme oder spezielle Mikroorganismen, die aus dem Chitin Stoffe machen, die von der chemischen Industrie verwendet werden können. Auch wenn das Endprodukt noch nicht feststeht, ist klar, dass ein Polyamid entstehen wird. Die Eigenschaften dieses Grundstoffs sind allerdings völlig offen und damit auch, was der neue Kunststoff kann. Es wird ein neuer Kunststoff entstehen, der vielleicht ähnlich wie das Chitosan zu ganz neuen Produkten führt.
Die Forschung an den Krustentierschalen steht noch ganz am Anfang. Man ist noch weit von irgendeiner industriellen Produktion entfernt. Momentan arbeitet man noch mit kleinsten Mengen im Labor. Mit ersten Ergebnissen wird für Ende des Jahres gerechnet. Langfristig hofft man, neue Methoden zu finden, mit denen sich auch andere Arten des Biomülls sinnvoll recyceln lassen.
Es wird also noch ein wenig dauern, bis wir die Schalen unserer Garnelen in einer speziellen Krustentierschalentonne entsorgen müssen…










