Monatsarchive: April 2011

Medizinische Muschelproteine

 

Dankbarkeit gegenüber Muscheln

In der Natur ist Kleben die dominierende Fügetechnik. Die Bioadhäsion von Molekülen bildet die Basis bei der Entstehung aller Lebewesen. Es führt weiter bis zu makroskopischen Klebstoffen tierischen Ursprungs, die in ihrer Funktion und Form unseren Klebverbindungen ähneln. Die Medizintechnik will solche Verbindungen nachahmen.

Klebstoffe sind empfindlich gegenüber Wasser. In der Natur ist die Anwesenheit von Wasser in lebenden Systemen der Normalfall und die Probleme sind seit Jahrmillionen gelöst. Die zugrundeligenden Mechanismen zeigt das Beispiel der Miesmuschel Mytilus edulis, deren Klebstoff gut erforscht ist. Daraus lassen sich Erkenntnisse für neue medizinisch-biomimetische, also die Natur nachahmende Klebstoffe gewinnen. Gängige Techniken zur Fixierung von Weichgeweben in der Medizin sind Klammern und Nähen. Bei der cardiovaskularen Chirurgie und bei Eingriffen an Organen ist Kleben die bessere Technik.

Es gibt derzeit drei chemische Klassen medizinischer Klebstoffe: Cyanacrylate, Fibrin- und Gelatine-basierende Formulierungen. Cyanacrylat-basierende Klebstoffe bestehen aus Octyl- oder Butyl-2-cyanoacrylat. Ersteres bildet stabilere, biegsamere Klebverbindungen und verschließt Hauteinschnitte, oberflächliche Fleischwunden und Kopfhautwunden. Nachteilig wirken die Abbauprodukte, hauptsächlich Formaldehyd und Alkylcyanate, die Entzündungsreaktionen und Heilungsstörungen hervorrufen können. Das Protein Fibrin in Fibrin-basierenden Klebstoffen entsteht in der Blutgerinnungskaskade aus Fibrinogen und Thrombin. (…) Fibrinbasierende Klebstoffe finden sich u. a. in der Thorax- und kardiovaskulären Chirurgie. Allerdings sind die Klebeigenschaften nicht ideal und es besteht das Risiko der viralen Kontamination, da die Klebstoffe aus humanem Blut gewonnen werden. (…)

Geringe Wassermengen sind beim Klebeprozess notwendig, um Polymerisationen beispielsweise von Cyanacrylaten zu initiieren. Auf scheinbar trockenen Oberflächen sind unter normalen Umweltbedingungen mehrere Moleküllagen Wasser irreversibel immobilisiert. Klebstoffe wechselwirken mit ihren polaren Seitenketten mit diesen Schichten. Größere Mengen von Wasser führen dagegen zum Versagen von Klebeverbindungen. (…) Der Klebstoff wird in seiner Kohäsionskraft durch Quellung, Plastifizierung, Erosion und Hydrolyse geschwächt. (…) Eine entscheidende Stoffklasse bei biologischen Klebphänomenen sind Proteine. (…) Die gemeine Miesmuschel (Mytilius edulis) bildet dauerhafte, feste Klebeverbindungen in Wasser. Die Muschel haftet mit Byssusfäden über eine Plaque (Klebstoffpunkt) am Substrat. Die Plaque besteht hauptsächlich aus als Mytilus edulis foot protein (Mefp) bezeichneten Proteinen und ist das biologische Analogon zu einem technischen Klebstoff. (…) Eine zentrale Rolle spiel Mefp-1, das aus Folgen von zehn Aminosäuren besteht. Diese Dekapeptideinheit wiederholt sich etwa 75- bis 80-mal und enthält nach der Biosynthese enzymatisch modifizierte Aminosäuren wie Hydroxyprolin (Hyp) und Dihydroxylphenylalanin (Dopa). Die polaren Seitenketten schaffen ausgeprägte Wechselwirkungen zu polaren Molekülen auf den Substratoberflächen. Mefp-1 ist sowohl für die Adhäsion als auch für die Kohäsion verantwortlich und kann von der Klebfestigkeit mit einem Epoxid- oder Cyanacrylat-Klebstoff verglichen werden. (…) Gängige Methoden zur Gewinnung des Muschelklebstoffs basieren auf der Extraktion des Proteingemisches aus dem Byssusfaden. Für ein Gramm Klebstoff sind 10.000 Muscheln notwendig, was eine große Verschwendung natürlicher Ressourcen bedeutet. Zudem lässt sich damit reiner Klebstoff nicht isolieren. (…)

In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Ansätze verfolgt, die Potenziale des Muschelklebstoffs und seiner Einzelkomponenten für den Menschen nutzbar zu machen. Hybridsysteme, basierend auf synthetischen Polymeren und der Dopa-Aminosäure, wurden für die Herstellung von Hydrogelen für medizinische Applikationen synthetisiert. Diese Gele zeichnen sich durch verbesserte adhäsive und kohäsive Eigenschaften aus. In allen Fällen wurde die Dopa-Einheit an Polyethylenglykol (PEG) geknüpft. Copolypeptide aus Dopa und Lysin entstanden und wurden durch Zugabe von Tyrosinase, Fe3+, H2O2 oder IO4 vernetzt. (…) Dopa-modifizierte verzweigte PEGs dienten zum Kleben von Schweinehäuten. Bei Zug-Scherproben zeigte die PEG-Dopa-Kombination eine 3,5-fach höhere Festigkeit verglichen mit Fibrin-fixierten Proben. Auf Miesmuschelprotein basierende Klebstoffe können ein alternativer Ansatz bei der Entwicklung neuer medizinischer Klebstoffe sein.

Vollständiger Artikel erschienen in “Farbe und Lack

Wenn man eine beliebige Person auf der Straße fragt, was im Leben wirklich wichtig ist, dann bekommt man genau die Antworten, die in jeder Frauenzeitschrift nachlesbar sind. Falls es Frauenzeitschriften noch gibt. Bei den gängigen, nichtrepräsentativen, aber vermutlich zahlreichen Umfragen zu diesem Thema steht in keinem einzigen Fall unter den Top-20-Antworten: “Mir ist Unterwasserkleben wirklich wichtig.” Man lehnt sich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass dieser Punkt in Strassenumfragen nicht einmal zu den Top 50 der meistgegebenen Antworten gehört.

Allerdings hängt das ausschließlich mit dem Ort der Umfrage zusammen. Auf der Straße sind die Leute indifferent, gelangweilt und im Stress. Deshalb geben sie dort die Antworten, an die sie sich aus der Lektüre von Frauenzeitschriften zum Beispiel beim Arzt erinnern, um bloss keine Nachfragen zu provozieren und schnell weitergehen zu können. Wer mag schon Straßenumfragen von Frauenzeitschriften? Ändert man den Ort der Umfrage, dann verschiebt sich das Bild dramatisch zu Gunsten des Unterwasserklebens.

Aus dem Bauch heraus geschätzt 10 von 10 Befragten halten Unterwasserkleben für sehr wichtig, wenn man sie im Vorraum eines Operationssaals fragt, in dem Milzrisse operiert werden. Denn Milzrisse sind einigermaßen schwer zu nähen. Völlig abgesehen davon, dass Nähen ein widernatürlicher Prozess ist, mit der Nadel das eigentlich zu heilende Gewebe durchbohren und etwas (den Faden) dauerhaft hineinstecken, auf dass die Heilung noch komplizierter wird? Eigentlich absurd. Entsprechend sind der Biologie nähende Tiere bisher unbekannt und es spricht viel dafür, dass es trotz des hohen evolutionären Drucks, der auf der Fauna lastet, noch längere Zeit so bleiben wird.

Wenn die Natur irgendetwas verbinden möchte, dann klebt sie. Menschen können das zwar auch, zum Beispiel mit einer gerissenen Milz, aber ihre Klebstoffe sind bisher maximal zweite bis dritte Liga, schon handelsübliches Wasser macht Menschenkleber arge Probleme. Und Wasser findet sich ja überall, zwei Drittel des menschenlichen Körpers besteht draus. In der Bundesliga des Klebens mit klarer Tendenz zu Champions League hingegen spielt seit Jahren die Miesmuschel. Die Substanz, mit dem sie sich unter Wasser an irgendwelchen Felsen, Schiffen oder auch fast allen anderen Oberflächen festklebt, gehört zu den besten Klebern überhaupt und hält naheliegenderweise selbst Salzwasser aus.

Um diesen famosen Klebstoff benutzen zu können, müsste man allerdings 10.000 Muscheln sammeln, was schon deshalb nicht leicht ist, weil die Miesmuscheln unter Wasser verdammt fest kleben. Logisch eigentlich. Deshalb hat sich die weise Wissenschaft einfach bei der Miesmuschel abgeschaut, wie man mit der Kombination verschiedener Muschel-Eiweisse mit dem eher schwer vermarktbaren Sammelnamen “Mefp” den Klebstoff herstellt, der auch unter Wasser noch klebt.

Falls je ein Produkt auf Mefp-Basis in den Handel kommen sollte, empfiehlt sich entweder eine radikale Umbenennung, obwohl “Ponal” und “Uhu” auch nicht den Gipfel der Namensschönheit darstellen. Oder die Flucht nach vorn, zum Beispiel mit einem Claim wie “Mefp – heisst ungünstig, klebt super!”. Auf der anderen Seite gibt es ja auch Haushaltsprodukte mit dem Null-Namen “00 null null“, also irgendwie vier Nullen hintereinander, und wenn sich sowas verkauft, dann sollte ein Mefp-Kleber es auch schaffen können.

Natürlich ist die Miesmuschel abgesehen vom Naming dem Mensch noch weit voraus, sie hatte ja auch mehrere Millionen Generationen (Schätzwert) Zeit, den besten Klebstoff zu finden. Aber immerhin hat die Miesmuschel ihre besten Tricks preisgegeben und ermöglicht inzwischen Klebstoffe, die bei Flüssigkeitspräsenz ungefähr dreieinhalb Mal besser kleben. Dafür sollten wir der Miesmuschel dankbar sein, auch ohne Milzriss.


Eine Bazille kommt selten allein – krankmachende Kooperationen

Ein krankmachendes Bakterium erforscht man traditionell, indem man es isoliert und auf einem Nährboden heranwachsen lässt. Das bewährte Verfahren hat zwei wesentliche Nachteile: Nur ein Bruchteil aller Mikroben kann man in Kultur züchten – und auch erfolgreiche Kulturen können Forscher …

xD-Hallsensorik

 

Joystickwissenschaften

Positionsmesssysteme werden aus Verschleiß- und Konstruktions-Gründen immer häufiger als berührungslose Systeme ausgeführt. Magnetfeldsensoren, die das magnetische Feld oder die Flussdichte in einer Richtung erfassen, sind in diesem Bereich stark vertreten. Am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen IIS wurde in den letzten Jahren die neue HallinOne®-Technologie entwickelt, mit der es möglich ist, alle drei Raum-Komponenten des Magnetfeldes quasi punktförmig zu messen. Dies ermöglicht es, in eine völlig neue Klasse von magnetfeld-basierten Positionsmessystemen vorzudringen: die mehrdimensionale Gradienten-Messung.
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Damit können komplexe mehrachsige Bewegungen erfasst werden. Neben schaltenden Anwendungen können mit der neuen Technologie auch sehr präzise Systeme zur Messung von Winkel- und Linearpositionen und Kombinationen von diesen aufgebaut werden.
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Grundlagen magnetische Positionssensorik
Um mit einem Magnetfeldsensor Relativbewegungen eines anderen Körpers detektieren zu können, wird an dem bewegten Teil ein Magnet befestigt. Sobald sich dieser Körper relativ zum Sensor bewegt ändert sich damit das vom Sensor ‚gesehene’ Magnetfeld. Aus dem Wissen, um welche Art von Magnet und damit Feldverlauf es sich handelt, kann mit Hilfe des gemessenen Magnetfeldes die neue Position des Körpers bestimmt werden. Diese Aufbau erlaubt sehr einfache einachsige Winkel und Positionsmesssysteme.
Bei Verwendung eines 3D-Magnetfeldsensors erhält man 3 Magnetfeldgrößen womit maximal dreiachsige Positionsmesssysteme möglich sind. In der Mechanik gibt es aber sechs Freiheitsgrade: drei translatorische und drei rotatorische.

Um diese zusätzlichen Freiheitsgrade über ein magnetisches Positionsmesssystem erfassen zu können, benötigt man weitere linear unabhängige Messgrößen. An dieser Stelle können die Vorteile der HallinOne®-Technologie sehr gut genutzt werden. Diese Technologie bietet die Möglichkeit, auch Ableitungen der drei Magnetfeldkomponenten zu messen. Insbesondere ist es monolithisch auf einem Chip möglich, die Ortsableitungen der drei Magnetfeldkomponenten nach x und y zu bestimmen indem man mehrere gleichartige Sensoren in einem definierten Abstand auf dem gleichen Chip anordnet. Wenn man Ableitungen der ersten Ordnung realisiert, so ergeben sich mit den Absolut-Werten bereits neun unabhängige Messgrößen auf einem Chip. Damit können zumindest theoretisch bereits alle sechs mechanischen Freiheitsgrade eines Körpers bestimmt werden. Von Sensor-Seite her ist es sogar möglich, auch Ableitungen 2. Ordnung zu bestimmen, was die Anzahl der linear unabhängigen Messgrößen auf einem Chip noch weiter erhöht. Damit kann beispielsweise eine Unterdrückung homogener externer magnetischer Felder erreicht werden. Grundsätzlich können mit einer höheren Anzahl an Messgrößen auch weitere Störeinflüsse, wie z.B. mechanische Dejustagen erkannt und korrigiert werden.
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Die HallinOne®-Sensor-Technologie kann in vielen ein- oder mehrdimensionalen Positions-Erfassungs-Systemen vorteilhaft angewandt werden. Durch die quasi punktförmige Erfassung aller 3 Raum-Komponenten des Magnetfeldes und deren Ableitungen, die vollständige Integrierbarkeit aller Sensoren in einem Halbleiter- Substrat und die verzerrungsfreie Erfassung des Magnetfeldes lassen sich nun Aufgaben der Positionserfassung mit Hilfe von Feldgradienten lösen. Dadurch werden völlig neue Anwendungen erst möglich bzw. können bisherige Lösungen deutlich verbessert bzw. vereinfacht werden.
Weiterführende Informationen
(PDF; 2,3 MB)

Anfang der 90er Jahre, ein Blick in das Zimmer eines Nerds, der nicht weiss, dass er ein Nerd ist oder was ein Nerd ist. Nicht einmal das Wort kennt er. An der Wand ein StarWars-Poster, im Regal fragwürdige Plastikfiguren, auf dem Schreibtisch ein C64 oder ein Amiga, von den Eltern gekauft mit dem Versprechen, nicht nur zu spielen, sondern auch “Textverarbeitung” für die Schule zu machen. Naja. In der Schule in Physik nimmt er gerade den Hall-Effekt durch. Er versteht schnell, worum es da geht, eine elektrische Spannung baut sich auf, wenn sich ein stromdurchflossener Leiter in einem Magnetfeld befindet, irrtierenderweise quer zur Richtung von Stromfluss und Magnetfeld. Interessant, aber nicht abendfüllend und für den Alltag mäßig interessant, jedenfalls nicht so interessant computerspielen, denkt der Nerd und vergisst den Hall-Effekt wieder.

Vor seinem Amiga steht eine Reihe seltsamer rotschwarzer Plastikkonstruktionen, der Nerd schließt sie nacheinander an den Compi an, wie man damals zum Computer sagte, die 90er waren nur mäßig kreativ. Der Nerd testet. Er testet Joysticks auf ihre Widerstandsfähigkeit, was mit dem Spiel “California Games” ausgezeichnet funktioniert, denn Ziel des Spiels ist, den Steuerknüppel so schnell und so heftig wie möglich hin und her zu reissen und dabei den Feuer-Knopf in höchster Frequenz zu drücken. Die Testergebnisse des Nerds stehen schnell fest, an Platz eins der Competition Pro, an Platz zwei der Quickshot II, die anderen gehen eigentlich alle sofort kaputt. Nerds können beachtliche Handkräfte entwickeln. Aber selbst der Competition Pro überdauert bei intensiver Benutzung maximal acht Wochen. Denn obwohl die Plastikschale robust ist – die stromführenden Kontakte zur Steuerung im Innern sind es eben nicht. Weil sie Kontakte sind, weil sie sich berühren und deshalb die ungeheure Nerdhandkraft hunderttausend Mal pro Tag aushalten müssen. Ab und zu, an heissen Sommertagen, hat er einen Traum, aber der erscheint ihm technisch unmöglich, man kann Joysticks einfach nicht überall hin mitnehmen.

Rissschwenk ins heute. Ab und zu denkt der Nerd noch an früher, an seine Joysticks, er hat sich sogar einen Atari 2600 gekauft, aus Wehmut, aber es ist nicht mehr das Gleiche. Und mit einem Mal prallt das Wichtige von damals – der Joystick – zusammen mit dem Vergessenen von damals – dem Hall-Effekt. Diese physikalische Erscheinung könnte plötzlich wieder eine Rolle im Nerdleben spielen. Positionsbestimmungen wie im Joystick funktionieren natürlich nicht nur mit schnell kaputtgehenden Kontakten, sondern inzwischen auch berührungslos. Zum Beispiel mithilfe des Hall-Effekts, indem man misst, wie und in welcher Stärke er auftritt. Die Sensoren dafür waren leider bisher empfindlich und ab und zu ungenau, weil sie nur in einer Ebene funktionieren, zum Beispiel von links nach rechts. Mit oben und unten sind sie also schon überfordert, man könnte hier auf Krampf ein politisches Wortspiel anschließen, aber man muss ja nicht.

Mit einer vor einiger Zeit entwickelten Technologie mit dem, sagen wir, angemessen innovativen Namen “HallinOne-Sensor”, lässt sich mit einem Chip aber die Position im dreidimensionalen Raum messen. Und zwar ausreichend präzise, dass es sogar einer der höchsten Anforderungen in der Technologie überhaupt genügt, also bei Joysticks in Nerdhänden mit California-Games-Erfahrung. Damit sind in den Joysticks drin dreidimensionale Positionsbestimmungen berührungslos ohne die ständig defekten Kontakte möglich – und das ist nichts weniger als famos. Denn Berührungslosigkeit vereinfacht wesentlich die Herstellung von wasserdichten Joysticks. California Games in der Badewanne, mit einem Joystick, der nicht kaputt geht, schon bevor die Fingerkuppen wellig werden – ein Traum wird wahr.


Im Orbit gibts ein Müllproblem

Dass man den Müll nicht einfach so in die Gegend schmeißt, sondern schön ordentlich trennt, recycelt oder am besten gleich ganz vermeidet, haben wir alle mittlerweile gelernt. Aber ist das beim Weltraummüll auch so wichtig? Immerhin ist im All jede …

Erklärung zum Start des forschungs-blog.de

Hier ist es, das Forschungs-Blog von Discover Markets, ein Forschungsprojekt der Fraunhofer-Gesellschaft, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Zugegebenerweise handelt es sich bei diesem ersten Satz um einen, der eher Fragen aufwirft als beantwortet. Damit aber dieser Startartikel …

Ex-Generation Akku schwach

Vor anderthalb Jahren twitterte Sue Perman: “Akku schwach” könnte auch als Lebensgefühl einer ganzen Generation herhalten. Damals und vielleicht sogar auch noch heute mag das gestimmt haben. Schon in naher Zukunft wird der schwache Akku als Dauerzustand der Vergangenheit angehören. …

Pflanzliches Speiseeis mit Lupinenprotein und Rapsöl

 

Endlich Eisdemokratie

Eiscreme ist ein komplexes Mehrphasensystem aus flüssigen und festen Bestandteilen sowie Luft, dessen angenehmes Mundgefühl, Schmelzeigenschaften und Stabilität maßgeblich durch die als Emulgatoren und Stabilisatoren wirkenden Milch- und Eibestandteile bewirkt werden. Personen mit Unverträglichkeiten gegenüber Milch- oder Eibestandteilen finden auf dem Markt noch kein qualitativ entsprechendes Produktangebot auf Basis rein pflanzlicher Bestandteile. Fokussiert auf die Nachhaltigkeit der Zutaten und eine hohe ernährungsphysiologische Wertigkeit des Produkts ist es den Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung gelungen, ein neuartiges Herstellungsverfahren zu entwickeln. Dabei werden Milchproteine durch Proteine der heimisch angesiedelten Lupine angustifolius L. var. Boregine, Lactose durch Maltodextrine und Milchfett durch pflanzliche Fette, davon ein signifikanter Anteil Rapsöl, ersetzt.

Anspruchsvoll war besonders die Entwicklung des Proteinisolierungsverfahrens aus Lupinensamen unter Erhalt eines sensorisch ansprechenden, oxidativ stabilen und funktionell optimierten Proteinprodukts. Die Extraktion von geschälten, flokierten und entölten Lupinensamen, anschließende Proteinfällung und Sprühtrocknung des neutralisierten und pasteurisierten Produkts führen in diesem Verfahren zu einem Proteinisolat, das im Vergleich zu Magermilch- und Molkepulver gleichartige signifikant bessere Emulgiereigenschaften aufweist. Seine Emulgierkapazität ist mit 900 mL/g im Vergleich zu 360 bzw. 425 mL/g von Magermilch- bzw. Molkepulver mehr als doppelt so groß. Die Fraktionen α, β und δ- Conglutin des Lupinenproteins bewirken die außerordentlichen Stabilisierungs- und Emulgatoreigenschaften und können diese Funktion vollständig in der Speiseeismatrix übernehmen.

Das neuartige entwickelte Herstellungsverfahren für Lupineneis bewirkt zudem eine Stabilisierung der oxidationsempfindlichen ungesättigten Fettsäuren des Rapsöls. Das in Kürze auf dem Markt erhältliche hedonisch hoch bewertete Resultat ist ein cremiges Speiseeis mit geringerem Fett- und Zuckergehalt im Vergleich zu üblichen Produkten. Es ist frei von Milchproteinen, Laktose sowie Cholesterol.

Völlig anders als in der Zeit, als schlumpffarbenes Eis erfunden worden ist, gibt es seit Längerem einen deutlichen Trend hin zu naturbelassenen Lebensmitteln. Das ist gut und richtig. Aber dabei wird oft übersehen, dass nicht alles, was wir essen wollen, an Bäumen wächst, wo es von singenden Bauern in deiner Region auf handgeschnitzten Holzleitern unbehandelt in Weidekörbchen hineingepflückt und mit der Kutsche zum nächsten Biomarkt transportiert wird.

Vielmehr ist es so, dass einige Lebensmittel ohne die entsprechende Technologie überhaupt nicht existieren würden. Zum Beispiel Speiseeis. Schon die Konsistenz von Speiseeis ist ein mittleres Wunder der Lebensmitteltechnologie. Das kann jeder nachvollziehen, der mit acht Jahren mal seinen Lieblingskakao eingefroren hat und drei Stunden später wider Erwarten kein Schokoeis, sondern knirschigen Milchschnee ohne jeden Geschmack vorgefunden hat.

Aber die Herstellung von essbarem Eis braucht besondere Milchbestandteile und oft auch Emulgatoren, die beispielsweise aus Eiern gewonnen werden. Dagegen hat niemand etwas, außer denen, die keine Milch und kein Ei essen. Das ist der Grund, weshalb sommers viele Leute traurig an den langen Eisbudenschlangen vorbeilaufen – sie vertragen kein Eis, vor allem wegen Laktoseintoleranz, einer Milchunverträglichkeit. Die Eisschlangenteilnehmer ahnen oft nichtmal, dass in Deutschland geschätzt zwischen 15 und 25% damit zu kämpfen haben. Zumindest in unserem Sonnensystem ist Laktoseintoleranz sogar der Normalfall: unglaubliche 75% der Weltbevölkerung leiden darunter mehr oder weniger stark.

Eisessen – ein Luxus der laktosetoleranten Elite. Aber jetzt wird Eis ein bisschen oder sogar sehr viel demokratischer. Mit einem so komplizierten Verfahren, das bisher niemand entdeckt hat, schafft es das Fraunhofer Institut IVV vereinfacht formuliert, Milch und Ei durch Lupinen und Raps zu ersetzen. Zwei Pflanzen, die nebenbei gesagt auch noch wirklich attraktiv blühen und duften, das ist ja nicht ganz unwichtig. Man stelle ich sich vor, die europaweit angebaute Nutzpflanze der Zukunft wäre grotesk hässlich und würde nach Gerberei stinken wie etwa die Aasblume Rafflesia arnoldii. Hässliche Blumen haben es auch im echten Leben schwer.

Aber zurück zum Speiseeis: das lupinen- und rapsbasierte Ergebnis ist nicht nur gesünder, weil es keine tierischen Fette mehr enthält. Weil Lupinen und Raps ihren Cremigkeits-Job wesentlich besser machen als Milch und Ei, muss auch nur weniger Zucker und Fett zugesetzt werden. Und schließlich kann auch eine der benachteiligtsten Gruppen unter den Ernährungssonderlingen endlich Eisessen: die Veganer. Das entstehende Eis ist nämlich rein pflanzlich. Endlich Eisdemokratie.


Hallo Welt!

Willkommen auf dem Forschungs-Blog. Bei diesem Artikel handelt es sich um den konstituierenden Startartikel, der außerhalb der liebgewordenen “Hallo-Welt!“-Tradition und der Autorenanzeige keine Funktionen hat.